Massenprodukt Plastik: Wo es nach Gebrauch letztendlich landet, will niemand so genau wissen. - © paul prescott - Fotolia
Massenprodukt Plastik: Wo es nach Gebrauch letztendlich landet, will niemand so genau wissen. - © paul prescott - Fotolia

Wien. In der hektischen Vorweihnachtszeit hat vermutlich kaum jemand Lust, ein Buch über Konsumieren und Lebensstil-Änderung zu lesen. Außerdem prangen die Worte "Tod" und "überleben" auf dem Cover. "Es war nicht mein Wunschtitel", gibt Armin Reller zu. Statt "Wir konsumieren uns zu Tode" hätte Reller, Professor für Ressourcenstrategie an der Universität Augsburg, viel lieber "Wir konsumieren die Erde in den Ruin" oder so ähnlich gehabt. Er möchte die Konsumenten mit dem Buch, das er gemeinsam mit der Journalistin Heike Holdinghausen geschrieben hat, ja nicht erschrecken. Vielmehr will er mehr Transparenz in der Konsumwelt.

"Alles hat seinen Preis. Nehmen Sie zum Beispiel diesen Kugelschreiber hier. Wer fragt sich schon, warum der so billig ist? Oder warum ein Kilo Bananen 99 Cent kostet?" Reller kommt im Gespräch mit der "Wiener Zeitung" gleich zum Punkt: Er will nicht zum Konsumverzicht aufrufen, sondern Respekt gegenüber alltäglichen Konsumgütern vermitteln. Zu diesem Zweck erzählt er Geschichten. Von der Zeit, als die Erde eine Gaswolke war. Von Plastikflaschen, die zu Pullovern werden und irgendwann im Meer landen; vom Leben der Zuckerrohrarbeiter in Südamerika; von Metallen, die hunderttausende Jahre im Erdboden schlummerten, bevor sie ans Tageslicht befördert und in Handys eingebaut wurden, um letztendlich im Müll entsorgt zu werden.

Erzählt Geschichten von Stoffen: Armin Reller.
Erzählt Geschichten von Stoffen: Armin Reller.

Das Zahlungsinstrument Geld verstelle den Konsumenten den Blick auf die Entstehungsgeschichte eines Konsumguts, so Reller. Dieser Blick jedoch könne neue Perspektiven eröffnen und aus den "gedankenlosen Genießern" verantwortungsbewusste Verbraucher machen. Der Autor erzählt, wie Produkte hergestellt, gehandelt und genutzt werden und wie viele Ressourcen dafür verbraucht werden. Daneben erhält der Leser gratis einen Crash-Kurs in Stoffkunde.

Reller tut dies ohne streng erhobenen Zeigefinger. Dennoch plagt einen bei der Lektüre des Buches das schlechte Gewissen, man könnte fast schon deprimiert werden angesichts der altbekannten ökologischen und sozialen Folgen unseres Lebensstils. Damit hat Reller gerechnet. "Aus meiner Arbeit mit Schülern und Studenten weiß ich: Erst kommt die Depression, dann die Neugier: Wie können wir Rohstoffe in sinnvolle Kreisläufe überführen?"

Die Herausforderungen der Zukunft liegen in der Entwicklung neuer öko-effizienter Materialien, Produkte und Technologien. In der Zwischenzeit können Konsumenten vor allem eines tun: Kritisch sein und Dinge hinterfragen.

Nochmal zurück zu Weihnachten: Was kann das Christkind denn guten Gewissens schenken? Rellers Tipp: "Schenken Sie Zeit und erzählen Sie Geschichten."

Armin Reller, Heike Holdinghausen: "Wir konsumieren uns zu Tode. Warum wir unseren Lebensstil ändern müssen, wenn wir überleben wollen". Westend Verlag.