Brüssel/Wien. (hes/ag) Allmählich stellt sich fast so etwas wie Routine ein: Jeweils kurz vor einem EU-Gipfel machen die Ratingagenturen Druck auf die Politik, indem sie die Kreditwürdigkeit betroffener Länder abstufen - oder zumindest damit drohen. Damit liefern die Bonitätswächter ihren Kritikern Futter: Den Agenturen wird vorgeworfen, dass sie sich als Werkzeug der Finanzindustrie instrumentalisieren lassen - und keine objektiven Urteile treffen, sondern mit ihren Bewertungen bereits vorhandene Markttendenzen nachvollziehen und noch zusätzlich verstärken.

Angesichts der Bedeutungsschwere des aktuellen EU-Gipfels für die Währungsunion hat Standard&Poor’s (S&P) nun die nächste Eskalationsstufe erklommen: Erst stellte die Agentur am Montagabend - wie berichtet - 15 Eurostaaten, darunter auch alle Triple-A-Länder (auch Deutschland und Österreich), auf den Prüfstand. Dann drohte sie am Dienstag überdies, dass auch das AAA-Rating des Euro-Rettungsschirms EFSF um ein bis zwei Stufen gesenkt werden könnte. Das ist freilich keine allzu große Überraschung, sondern eine Folge der Entscheidung des Vortages: Die Bonität des Anleihentopfs, aus dem die Hilfsprogramme finanziert werden, hängt maßgeblich von der Kreditwürdigkeit der Triple-A-Länder ab, welche für die Sicherheit garantieren.

Zinsen steigen nur marginal

Laut S&P hängt die Ratingentscheidung vom Ergebnis des EU-Gipfels ab. Die Agentur will die Kreditwürdigkeit der Euroländer "eher früher als später" neu bewerten. Maximal wären 90 Tage Zeit. "Eine Herabstufung ist auf keinen Fall sicher", sagte S&P-Europa-Chefanalyst Moritz Kraemer am Dienstag in einer Telefonkonferenz. Es sei durchaus auch denkbar, dass alles beim Alten bleibe. Entscheidend sei, dass das Treffen der Staats- und Regierungschefs "glaubwürdige und solide Lösungen" bringe.

Bei einem schlechteren Rating müssen Staaten bei der Kreditaufnahme in der Regel höhere Zinsen zahlen. Auf den Märkten sorgten die aktuellen Nachrichten allerdings für keine große Aufregung: Die Renditen (gleichsam die Zinsen) für Staatsanleihen haben sich trotz der drohenden Abstufung nur leicht verteuert.

Am überraschendsten kam der Schritt für Deutschland, dessen Anleihen als europäischer Hort der Sicherheit gelten. Allerdings würde eine Abstufung deutschen Staatsanleihen - wie zuvor schon den US-Papieren - am wenigsten schaden: Mangels Alternativen wären Anleger gezwungen, weiterhin deutsche Bunds und US-Treasuries (so heißen die Schuldenpapiere im Jargon) zu kaufen.

Aber auch die Kurse anderer Anleihen reagierten kaum: Die Rendite für zehnjährige französische Anleihen - denen sogar eine Abstufung um zwei Stufen droht - verteuerte sich von 3,12 auf 3,23 Prozent. Noch wichtiger: In den Krisenstaaten Italien und Spanien blieben die Risikoaufschläge mit 5,97 beziehungsweise 5,10 Prozent unter der kritischen Marke von 6 Prozent.

Euroländer unter Zugzwang

Dem deutsch-französischen Direktorium kommt die Ratingdrohung nicht ungelegen: Damit erhöht sich auf alle 17 Euroländer der Druck, den von Angela Merkel und Nicolas Sarkozy vorgeschlagenen rigiden EU-Vertragsideen zuzustimmen.

Die Banken haben hingegen eine Sorge mehr. "Das hat uns gerade noch gefehlt", so ein deutscher Spitzenbanker. Die Schlechterstellung könnte die ohnehin schwierige Geldbeschaffung auf dem Weltmarkt noch komplizierter - und teurer - machen. Die Bonität der Banken hängt in der Regel an den Herkunftsländern: Wird ein Staat abgestuft, trifft es in rascher Folge auch seine Geldinstitute.