Wiesbaden.  Die deutsche Wirtschaft steht nach zwei Boomjahren in Folge an der Schwelle zur Rezession. Das Bruttoinlandsprodukt fiel im vierten Quartal erstmals seit dem Höhepunkt der Finanzkrise vor drei Jahren wieder. Schrumpft es zu Jahresbeginn erneut, wird von Rezession gesprochen. 2012 ist deshalb bestenfalls ein Mini-Wachstum möglich, sind sich Experten einig. "Es wird einen deutlichen Abschwung geben", befürchtet der Chefvolkswirt der UN-Organisation für Welthandel und Entwicklung (UNCTAD), Heiner Flassbeck.

Die Wirtschaftsleistung fiel von Oktober bis Dezember um etwa 0,25 Prozent zum Vorquartal, sagte ein Sprecher des Statistischen Bundesamtes am Mittwoch in Wiesbaden. Ein Minus hatte es zuletzt im ersten Quartal 2009 gegeben, das wegen der Finanzkrise mit 4,0 Prozent besonders stark ausfiel. "Die von der ungelösten Staatsschuldenkrise ausgehende Unsicherheit dürfte zu einem weiteren Minus-Quartal führen", sagte Commerzbank-Chefvolkswirt Jörg Krämer. Die Deutsche Bank rechnet sogar damit, dass es erst in der zweiten Jahreshälfte wieder bergauf geht.

Wirtschaft wuchs trotz Krise
Trotz der Schwäche am Jahresende wuchs die Wirtschaft 2011 mit drei Prozent erneut sehr stark, weil höhere Löhne und eine Rekordbeschäftigung den privaten Konsum so kräftig steigen ließen wie seit fünf Jahren nicht mehr. "Damit setzt sich der konjunkturelle Aufholprozess der deutschen Wirtschaft auch im zweiten Jahr nach der Finanzkrise fort", sagte der Präsident des Statistischen Bundesamtes, Roderich Egeler. 2010 hatte es ein Plus von 3,7 Prozent gegeben. 2009 war die Wirtschaftsleistung wegen der Finanzkrise um 5,1 Prozent eingebrochen. Die damals erlitten Verluste wurden bereits im Frühjahr wieder aufgeholt.

In diesem Jahr muss die deutsche Wirtschaft kleinere Brötchen backen. Die Bundesbank traut ihr nur noch ein Wachstum von 0,6 Prozent zu, die Deutsche Bank sagt sogar eine Stagnation voraus. Wegen der Schuldenkrise haben viele Euro-Länder ihre Steuern erhöht, Löhne und Renten gekürzt sowie Investitionen gestrichen. "Mit den Sparorgien in Europa machen wir unseren eigenen Markt kaputt", sagte UNCTAD-Chefvolkswirt Flassbeck. "Wir werden einen irren Einbruch erleben, wenn man das alles durchzieht." Die Währungsunion ist der wichtigste Absatzmarkt für die exportabhängige deutsche Industrie. Auch die nachlassende Weltkonjunktur dürfte ihr zu schaffen machen.

Arbeitsmarkt läuft sehr gut
Andere Experten sind nicht so pessimistisch. "Wir glauben nicht, dass Deutschland in eine Rezession fällt", sagte der Deutschland-Chefvolkswirt von UniCredit, Andreas Rees. Der zuletzt zweimal in Folge gestiegene Ifo-Index signalisiere, dass sich die Stimmung in den Unternehmen stabilisiere. "Auch der Arbeitsmarkt läuft noch sehr gut", sagte Rees. "Das sorgt mindestens noch in der ersten Jahreshälfte für Rückenwind beim privaten Konsum." Hoffnung mache auch die Konjunkturbelebung in der weltgrößten Volkswirtschaft USA.

Experten räumen ein, dass Prognosen wegen des ungewissen Fortgangs der Schuldenkrise diesmal besonders schwierig sind. "Keiner von uns hat schon einmal eine Staatsschuldenkrise erlebt", sagte Commerzbank-Chefvolkswirt Krämer. "Deshalb wissen wir nicht genau, wie stark sie die Konjunktur dämpfen wird und wie lange. Da haben wir keine historischen Erfahrungen."

Die im Aufschwung kräftig steigenden Steuereinnahmen drückten das Staatsdefizit deutlich. Die Neuverschuldung von Bund, Ländern, Kommunen und Sozialversicherung fiel von 106 Mrd. Euro im Vorjahr auf 27 Mrd. Euro. Das entspricht einem Defizit von 1,0 Prozent des Bruttoinlandsproduktes. 2010 waren es 4,3 Prozent, 2009 noch 3,2 Prozent. Damit wurde die im EU-Stabilitätspakt festgesetzte Schuldengrenze von drei Prozent wieder eingehalten. Die EU-Kommission sagt für dieses Jahr ebenfalls ein Defizit von 1,0 Prozent voraus, das 2013 auf 0,7 Prozent nachgeben soll.