Paris. Man hat es kommen gesehen. Es ist nicht das Ende der Welt. Und es ist auch erst eine der drei großen Ratingagenturen. So lautet derzeit ähnlich wie in Österreich der Grundtenor in Frankreich. Standard & Poor’s hat am Freitag Frankreich die Bestnote Triple-A weggenommen. "Fitch hat erst letzte Woche das Triple-A für Frankreich bestätigt, und Moody’s hat heute dasselbe getan", beruhigt der französische Finanzminister François Baroin am Montag in Paris, um die Entscheidung von S&P zu relativieren. Dabei verschweigt Baroin, dass Moody’s gleichzeitig Frankreich mitgeteilt hatte, die Bestnote für Paris noch im ersten Quartal 2012 noch einmal unter die Lupe nehmen - das Rating werde notfalls "aktualisiert".

Die Märkte haben kaum reagiert. "Jeder hat den Triple-A-Verlust erwartet", erklärt Yves Zlotowski, Chefökonom des französischen Kreditversicherers Coface. Und man ist sich auch relativ einig über die Gründe. "Ich habe schwere Bedenken, was die Kompetenz von S&P betrifft", sagt François David, Aufsichtsratschef von Coface. "Großbritannien hat schlechtere Daten als Frankreich. Aber Frankreich wird abgestraft, weil es in der Eurozone ist."

Trotzdem: Präsident Nicolas Sarkozy ist es nicht gelungen, sein Versprechen zu halten und Frankreich vor dem Verlust des Triple-A zu bewahren. Und das, obwohl schon bald - im Frühling - Präsidentschaftswahlen sind. Nun bleibt Sarkozy nichts anderes übrig, als noch einmal zu reformieren - so, wie er es am Wochenende angekündigt hat - und zwar möglichst, bevor Moody’s auf eine ähnliche Idee wie S&P kommt. In Wirtschaftskreisen glaubt man zu wissen, in welche Richtung Frankreich gehen wird: den Vorzugsschüler Deutschland imitieren.

Frankreich vor Rezession?

"Sarkozy hat die vergangenen vier Jahre versucht, den französischen Binnenkonsum anzukurbeln. Für die Nachfrageseite hat er mit Steuernachlässen viel getan. In den nächsten vier Jahren, wenn er die Wahlen gewinnt, wird Sarkozy versuchen, Frankreich in eine Angebots-Nation umzuwandeln, ähnlich wie Deutschland", glaubt der renommierte Ökonom Patrick Artus von der Investmentbank Natixis der französischen Sparkassen. Sprich: Produktion und Exporte sollen angekurbelt werden, Löhne gekürzt und Unternehmen auf mehr Wettbewerb eingestellt werden. "Maßnahmen, die schon unter Sarkozy-Vorgänger Jacques Chirac hätten getroffen werden sollen."

Ein Sparkurs wirkt sich normalerweise negativ auf die Konjunktur aus, vor allem in Frankreich. Noch gehen die Ökonomen von einem leidlich starken Jahr 2012 für Paris aus - das sind allerdings Berechnungen, die auf wackeligen Beinen stehen. "In Frankreich sind die Konsumenten ähnlich wichtig für das Bruttoinlandsprodukt wie in den USA. Doch die Franzosen sind wegen der Eurokrise sehr beunruhigt", meint Zlotowski. Wenn die Franzosen also sparen, könnte Frankreich eine Rezession bevorstehen.

Nicht wenige französische Ökonomen schauen derzeit sehnsüchtig auf die USA, eines der wenigen Länder, dessen Konjunktur sich laut OECD verbessert hat. "Washington hat es geschafft, dass die Staatsschulden progressiv reduziert worden sind. 2012 wird ein Jahr des Wachstums werden", meint Artus. Und das verdanken die USA vor allem der Geldpolitik der US-Zentralbank Fed, die in den vergangenen Monaten mehrere Male die Geldpresse angeworfen hat ("Quantitative Easing").

"Die Ausweitung der Geldmenge funktioniert zwar nur kurzfristig als Trick, aber man erkauft sich dadurch die notwendige Zeit um Reformen durchzusetzen. Die USA haben sich im vergangenen Jahr enorm verbessert und in wichtigen Branchen Marktanteile zurückgekämpft", erklärt Artus. Er gehört dementsprechend zu der überwältigenden Mehrheit der französischen Ökonomen, die sich für eine Europäische Zentralbank einsetzen, die die gleiche Macht wie die Fed in den USA hat - also im Bedarfsfall Geld drucken kann. Doch da ist bekanntlich Deutschland dagegen.