Davos.

"Wo sind die 6,9999 Milliarden anderen Führer?" fragen die Aktivisten von "Occupy" die 2600 Teilnehmer des EWF in Davos - nach dem Motto der Bewegung: "Wir sind die 99 Prozent." - © dapd
"Wo sind die 6,9999 Milliarden anderen Führer?" fragen die Aktivisten von "Occupy" die 2600 Teilnehmer des EWF in Davos - nach dem Motto der Bewegung: "Wir sind die 99 Prozent." - © dapd
(ag/red) Während die Verzögerungen beim Schnüren des Rettungspakets für Griechenland am Mittwoch den Euro unter 1,30 Dollar drückten, hat im Schweizer Ort Davos das 42. Weltwirtschaftsforum mit Debatten über das Euro-Krisenmanagement und den Kapitalismus der Zukunft hat das Weltwirtschaftsforum begonnen. In ihrer Eröffnungsrede warnte die deutsche Kanzlerin Angela Merkel vor einer Überforderung ihres Landes durch den Ruf nach mehr Solidarität und noch größeren Euro-Rettungsschirmen. Europas führende Volkswirtschaft sei zwar relativ groß und stark, es dürften aber keine Zusagen gemacht werden, die am Ende nicht eingehalten werden könnten: "Wenn wir etwas versprechen, was dann bei harter Attacke der Märkte nicht einlösbar ist, hat Europa eine ganz offene Flanke." Zum Thema Verdoppelung oder gar Verdreifachung der Euro-Hilfen meinte sie: "Ich frage mich immer, wie lange das glaubwürdig ist."

Im Vorfeld des Treffens von 2600 Politikern, Wirtschaftslenkern, Wissenschaftern und zivilgesellschaftlichen Vertretern hatte sich Merkel heftige Kritik anhören müssen: Die Investorenlegende George Soros griff das von Deutschland geführte Euro-Krisenmanagement an: "Deutschland diktiert eine Politik, die in eine Schuldenspirale mit deflationären Folgen führt. Es setzt den Euro-Krisenstaaten unerreichbare Ziele." Das derzeitige Krisenmanagement erzeuge Widerstand in Ländern der Peripherie. Er frage sich, wann sich die Erkenntnis durchsetzen werde, "dass die Währungsunion auf einem selbstzerstörerischen Kurs ist".

Als Weg aus der Krise schlug Soros vor, Problemstaaten wie Griechenland nicht nur zu strikter Haushaltsdisziplin zu zwingen. "Sie brauchen zudem einen Stimulus, der eine Deflationsspirale verhindert." Angeschlagenen Staaten wie Italien oder Spanien könnte ein "Kreditgeber der letzten Zuflucht" - bestehend aus der Europäischen Zentralbank und den Krisenmechanismen EFSF und ESM - helfen. Mit diesem Garanten im Rücken könnten sich die Staaten günstig refinanzieren.

"Ungleichheiten so groß wie vor der Krise der 30er-Jahre"


Vertreter von Banken und Finanzinvestoren stehen in Davos besonders unter Kritik. Der Kapitalismus des 20. Jahrhunderts sei für das 21. Jahrhundert nicht mehr geeignet, sagte die Generalsekretärin des internationalen Gewerkschaftsbundes ITUC, Sharan Burrow, in einer Podiumsdiskussion. "Die Ungleichheiten sind heute in der Welt so groß wie vor der Krise der 1930er Jahre." Hunderte Millionen Menschen seien ohne Arbeitsplatz. Der Kapitalismus habe es verpasst, sichere Jobs zu schaffen und den Reichtum gleichmäßig zu verteilen.

Banken seien der Spiegel der Wirtschaft, verteidigte sich der Chef der Bank of America, Brian Moynihan. "Natürlich gibt es Exzesse, die sind aber eingedämmt worden." Die Arbeitsweise der Banken habe sich seit 2008 im Zuge der Finanzkrise enorm verändert. Trotzdem meinte Merkel enttäuscht, "dass die Weltgemeinschaft zu wenig Lehren aus der Finanzkrise gezogen hat. Es reicht noch nicht aus, der Welt bleibt viel zu tun".

In unmittelbarer Nähe des Davoser Kongresszentrums demonstrierten am Mittwoch auch wieder Kritiker des Weltwirtschaftsforums. Dutzende Aktivisten flanierten mit Hundeleinen durch die Haupteinkaufsstraße, wenige hundert Meter vom Tagungsort entfernt - allerdings ohne Hunde. Dabei trugen sie Schilder mit der Aufschrift "Konzerne an die Leine". Globalisierungskritiker sind heuer zum ersten Mal in der Nähe des WEF vertreten. Wenige Kilometer vom Tagungsort entfernt hat die "Occupy"-Bewegung ein Iglu-Dorf errichtet.