Wien. Für rund 10.000 gehörlose Menschen in Österreich ist die Gebärdensprache, die seit September 2005 in der Bundesverfassung als eigenständige Sprache anerkannt wurde, die Muttersprache. Wie man mit den Händen, der Mimik und der Körperhaltung Worte formt, lernt man unter anderem am Sprachenzentrum der Universität Wien, das 2001 gegründet wurde. 30 verschiedene Sprachen werden dort angeboten, die Gebärdensprache ist eine davon. Rund 2500 Menschen haben sich bisher die visuell-gestische Sprache angeeignet.

Mit Lehrbüchern sah es bisher traurig aus. "Es gibt ein zwanzig Jahre altes kopiertes Buch der Uni Klagenfurt", schilderte der gehörlose Sprachkursleiter Georg Marsh - in Gebärdensprache - vergangenen Freitag vor Journalisten im Oktogon der Bank Austria. Der Ort war nicht zufällig gewählt, unterstützte doch Österreichs größtes Geldinstitut die Realisierung eines neuen, umfassenden Lehrhandbuchs zur Gebärdensprachendidaktik finanziell.

Dass der Bank Austria die Barrierefreiheit von Menschen mit Behinderung ein Anliegen ist, demonstriert CEO Willibald Cernko mit seiner in Gebärdensprache formulierten Grußbotschaft auf der Website der Bank. Warum in Gebärdensprache? "Viele gehörlose Menschen kommunizieren am besten in der Gebärdensprache. Für sie stellt die deutsche Schriftsprache eine Barriere dar", heißt es auf der Homepage. Die Website gibt es aber auch zum Hören für blinde und sehbehinderte Menschen sowie in einer einfachen Sprache für Menschen mit Lernschwierigkeiten.

Alte Computer für "Arbeit für Behinderte"

Vor zwei Jahren bestellte die Bank Austria darüber hinaus mit Erwin Schauer einen eigenen Behindertenbeauftragten - nun wurde eine erste Zwischenbilanz gezogen. "Bereits zwei Drittel aller Privatkundenfilialen sind mit barrierefreiem Zugang ausgestattet", berichtete Cernko. Für mobilitätseingeschränkte Kunden in Wien wurde ein Shuttleservice eingeführt, für sehbehinderte Kunden wurde eine eigene Bankomatkarte entworfen.

Das Disability-Management-Team von Erwin Schauer umfasst mittlerweile 45 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die jede Menge Ideen einbringen. 16 Projekte wurden bereits realisiert, 14 weitere seien noch in der Pipeline, sagte Schauer.

Jüngster Streich ist eine Kooperation mit "Arbeit für Behinderte" (AfB), Europas erstem gemeinnützigem IT-Systemhaus, das geistig oder körperlich Behinderte beschäftigt. Diese testen, reinigen und reparieren alte Laptops, PCs und Drucker und verkaufen sie weiter.

Die Bank Austria hat AfB-Geschäftsführer Ernst Schöny bereits 480 Altgeräte übergeben und will langfristig mit AfB zusammenarbeiten. Schöny freut sich über den Auftrag: "Das sichert dauerhaft Arbeitsplätze."

Cernko: "Wir wollen uns nicht freikaufen"

Die Bank Austria beschäftigt 10.000 Mitarbeiter, davon sind laut Cernko rund 400 Menschen, "die irgendeine Form der Behinderung haben". 300 von ihnen gelten als sogenannte begünstige Behinderte, das heißt, sie haben einen vom Bundessozialamt festgestellten Grad der Behinderung von mindestens 50 Prozent.

Die Bank Austria erfüllt damit die gesetzlich vorgeschriebene Quote. Cernko: "Wir wollen uns nicht freikaufen." Laut Behinderteneinstellungsgesetz sind Arbeitgeber dazu verpflichtet, pro 25 Mitarbeiter einen Behinderten einzustellen.