• vom 09.03.2012, 21:53 Uhr

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Update: 09.03.2012, 22:37 Uhr

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"In zwanzig Jahren sind wir alle Griechen"




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Von Konstanze Walther

  • Starökonom Tomáš Sedlácek im Interview.
  • Plädoyer für Abkehr vom wachstumsorientierten Wirtschaftsmodel, Lob für den Euro.

Wiener Zeitung: Sie sind einer der wenigen Ökonomen, die offen proklamieren, dass Ökonomie kein neutrales Zahlenspiel ist, sondern eine Glaubensfrage.
Tomáš Sedlácek: Ja, das Vorspiegeln des Rationalen, Absoluten ist ein Trick der meisten Ökonomen. Schon Milton Friedman schreibt in einem Essay: "Ökonomie sollte eine deskriptive Wissenschaft sein".  Kein Physiker muss einen Aufsatz darüber schreiben, dass Physik frei von Werten oder Ideologie sein sollte.  Kein Naturwissenschaftler muss sich so etwas wünschen.  Im Standardlehrbuch von Paul Samuelson ("Economics: An Introductory Analysis")  heißt es im Vorwort: "Mit diesem Buch wird man lernen, wie ein Ökonom zu denken." Eine glatte Lüge: Mit diesem Buch lernt man, wie Samuelson zu denken.

In Wahrheit muss man zu Samuelson, Marx, Keynes, Hayek sagen: Ich respektiere deren Ökonomie und stimme vielleicht zu. Aber ich darf mich nicht darüber hinwegtäuschen lassen, dass  deren Ökonomie ein Glaube ist. Das ist okay, aber man sollte nicht so tun, als wäre es Physik. Das tut Samuelson aber. Er sagt einerseits: Rationalität ist so, wie ich sie definiere. Und andererseits versteckt er seine eigene Meinung,  indem er sie als absolute Wissenschaft präsentiert.

Information

Zur Person: Tomáš Sedlácek (34) ist mit 24 Jahren vom damaligen Präsidenten Vaclav Havel als Berater geholt worden. Die Zeitschrift "Yale Economic Review" ernannte ihn zu einem der intelligentesten Ökonomen seiner Generation. Heute ist er Chefökonom der tschechischen Großbank (CSOB), lehrt an der Prager Karlsuniversität und hat mit "Der Ökonomie von Gut und Böse" einen Bestseller über die Kulturgeschichte der Wirtschaft geschrieben. Das Buch ist im Februar im Carl-Hanser-Verlag auf Deutsch erschienen.


Diese Dämme brechen aber langsam auf, es wird viel darüber diskutiert, ob die Wirtschaft "funktioniert".
Man sollte auch nicht die Frage stellen, ob die Wirtschaft funktioniert. Man sollte vielmehr fragen,  ob die Wirtschaft so funktioniert, wie es wir es wollen. Wirtschaft alleine errechnet keine Derivate und lässt auch keine Blumen wachsen. Doch "ob sie funktioniert" klingt, als ob es eine absolute Wirtschaft gäbe. Wenn man nachfragt, behelfen sich die meisten mit "Effizienz" als Maßstab  auf alles, unter anderem als Antwort auf die Frage, "ob die Wirtschaft funktioniert".  Als ob im normalen Leben, in Beziehungen, alles eine Frage der Effizienz wäre.

Man muss also die Frage stellen, wie soll die Wirtschaft funktionieren, wohin wollen wir? In welchem Modell wollen wir leben? Soll es zum Beispiel gerecht sein? Und dann muss man sich fragen, wie kommt man dahin. Wenn wir ein Ziel haben, können wir die Maschine bauen, die uns das notwendige Werkzeug dafür gibt. Wirtschaft hat begonnen mit der Frage "Was brauchen wir?" - und nicht mit der Frage, wie wir zu mehr Wachstum kommen.

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Dokument erstellt am 2012-03-09 19:15:40
Letzte Änderung am 2012-03-09 22:37:49


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