Österreichs bestbezahlte Topmanager, etwa Erste-Bank-Chef Andreas Treichl, wirken im direkten Vergleich wie bedauernswerte Sozialhilfe-Empfänger: Der 53-jährige John H. Hammergren, Boss der in San Francisco ansässigen Healthcare-Firma McKesson, streifte nämlich im vergangenen Jahr stolze 131 Millionen Dollar (rund 100 Millionen Euro) ein. Als Basisgehalt samt Boni bekam er zwar bloß 6,3 Millionen, doch dank großzügiger Aktienoptionen schaffte er die beinahe unvorstellbare Rekordsumme - was prompt für große Aufregung sorgte. Hammergren, der pro Minute 250 Dollar brutto verdient, rangiert weit vor allen übrigen CEOs der bekanntesten US-Unternehmen wie Walt Disney, Philip Morris oder Starbucks, die auch nicht gerade gering entlohnt werden.

Selbst in den USA sind astronomisch anmutende Rekordgagen von angestellten Spitzenmanagern mit beträchtlicher Brisanz behaftet. Um sich die unvermeidliche, zumindest einmal jährlich aufflammende Diskussion, ob denn monströse Einkommen von Konzernführern moralisch gerechtfertigt wären, zu ersparen, haben beispielsweise der neue Google-Boss Larry Page oder der Gründer und CEO des US-Software-Giganten Oracle, Lawrence Ellison, ihr Jahreseinkommen mittlerweile nach dem Vorbild von Bill Gates auf einen symbolischen Dollar reduziert.

Jetzt sind sie endlich aus dem Schneider: Es scheint nämlich niemanden zu stören, dass der Chef von Microsoft mit einem geschätzten Vermögen von derzeit 61 Milliarden Dollar schon seit Jahren der reichste Amerikaner ist und die beiden anderen Großaktionäre ebenfalls zu den vermögendsten Männern des Landes zählen. Kein Thema ist auch, dass das Trio laut "Forbes"-Magazin allein im vergangenen Halbjahr gleich um sieben Milliarden Dollar reicher wurde - Hauptsache, ihre einst gigantischen Jahresbezüge erzürnen die Neidgenossenschaft nicht mehr länger.

Hammergren ist aber zweifellos eine Ausnahmeerscheinung: Im Durchschnitt cashten die obersten Chefs der 500 größten US-Konzerne zuletzt lediglich 10,5 Millionen Dollar ab, wovon die Grundgehälter etwa ein Drittel betragen haben. Verglichen mit dem Jahr davor durften sie sich über ein Plus von durchschnittlich 16 Prozent freuen - während die Gehälter der "normalen" Arbeitnehmer nur um 3 Prozent gestiegen sind. Die obligatorische Empörung über solche Diskrepanzen sorgt weltweit immer wieder für erregte Diskussionen - auch in Deutschland, wo die Chefs weit weniger verdienen.

VW-Boss: 63 Prozent plus

Die Vorstandsvorsitzenden von DAX-Unternehmen haben im vergangenen Jahr laut einer Studie der Unternehmensberatung Towers Watson im Schnitt 5,5 Millionen Euro kassiert - gleich 13 Prozent mehr als 2010. Prompt tauchte kürzlich wieder einmal die Kernfrage auf, ob ein derart sprunghafter Anstieg moralisch gerechtfertigt beziehungsweise mit unternehmerischen Indikatoren wie der Steigerung des Aktienkurses, des operativen Ergebnisses oder der Rendite in Einklang zu bringen sei. Die Chefs der börsenotierten deutschen Unternehmen können freilich für sich reklamieren, dass sich beispielsweise die Gewinne pro Aktie grosso modo deutlich verbessert haben.

Studienautor Olaf Lang von Towers Watson glaubt folglich an Gerechtigkeit: "Es zeigt sich, dass eine gute Unternehmensperformance mit einem höheren Gehalt, eine schlechte hingegen mit einem niedrigeren Gehalt korreliert." Immer stimmt das allerdings nicht: Bei der Deutschen Telekom etwa brach der Gewinn je Aktie im Vorjahr um 63 Prozent ein, doch das Gehalt von Vorstandschef René Obermann blieb unverändert. Und beim Energieversorger RWE sackte der Gewinn gleich um 46 Prozent ab, das Salär von RWE-Chef Jürgen Großmann allerdings bloß um 3 Prozent. In solchen Fällen ist in den USA zumeist Härte angesagt: Die Bezüge von AT&T-Boss Randall Stephenson zum Beispiel wurden nach dem missglückten Übernahme-Versuch von T-Mobile USA umgehend um 2 Millionen Dollar gekürzt - auf 18,7 Millionen.

Kein Verständnis

VW-Vorstandsboss Martin Winterkorn, mit 17 Millionen Euro Top-Verdiener in der deutschen Wirtschaft, geriet unlängst zu Unrecht ins Schussfeld von Kritikern: Sein Jahreseinkommen stieg nämlich mit 63 Prozent weit weniger stark als der Gewinn pro Aktie, der um 118 Prozent zugelegt hatte. Selbst wenn der Schwabe im Vergleich zu den ventilierten 60 Millionen Euro, die der einstige Porsche-Chef Wendelin Wiedeking vor vier Jahren bezogen haben soll, beinahe Mitleid verdient, musste er eine herbe Schelte verkraften: "Solche Gehaltsexzesse", ätzte zum Beispiel Brun-Hagen Hennerkes von der Stiftung Familienunternehmen, "zerstören das Sozialgefüge."

Nicht nur pflichtbewusste Standesvertreter, mittelständische Unternehmer, Wirtschaftstheoretiker, Aktionärsschützer und Linke empfanden eine derartige Traum-Gage als unangemessen, unanständig und letztlich obszön - auch der sprichwörtliche Mann von der Straße reagierte gereizt: Laut Meinungsforschern halten 71 Prozent der Befragten solche Millionen-Einkommen selbst dann nicht für gerechtfertigt, wenn Spitzenmanager für ihre Betriebe satte Profite erwirtschaften.