Wien. (wak) Einmal in der Woche wird der Tiroler Christian Keuschnigg künftig zum "People’s Business Airport" pilgern um von dort nach Wien zu fliegen. Zum Glück für den Ökonomen Keuschnigg ist dieser "Geschäftsflughafen des Volkes" nicht, wie der Name vermuten lässt, in China, sondern geografisch sowie ideologisch in der anderen Ecke: im schweizerischen St. Gallen. Der Flugplatz, deskriptiv auch "Flughafen St. Gallen Altenrhein" genannt, ist vor allem für Privatjets beim jährlichen Weltwirtschaftsforum in Davos, ein beliebtes Anflugsziel. Und für Keuschnigg ab 1. Juni das Tor nach Wien und wieder zurück. Denn Keuschnigg hat seine Professur in St. Gallen nicht vollständig zurückgelegt (nur eine Stundenkürzung von 50 Prozent), zudem wohnt seine Familie weiter in St. Gallen. Keuschnigg selbst ist ab 1. Juni aber auch in Wien tätig: als neuer Chef des Instituts für Höhere Studien (IHS).

Keuschnigg folgt damit Bernhard Felderer (70), der mit Sommer in IHS-Pension geschickt wird. Wie Felderer werde auch Keuschnigg "zu wirtschaftspolitischen Fragen öffentlich Stellung nehmen", erklärte Keuschnigg bei seiner Antrittspressekonferenz am Montag. Hinter vorgehaltener Hand gilt Keuschnigg als Hardliner - doch er tat den Journalisten am Montag nicht den Gefallen, sich als solcher zu präsentieren. "Ich bin ein Anhänger der sozialen Marktwirtschaft, mehr will ich dazu eigentlich nicht sagen", meinte Keuschnigg. Was die "soziale Marktwirtschaft" genau sei, darüber "gibt es wahrscheinlich so viele weltanschauliche Vorstellungen in Österreich wie Einwohner", fügte der 53-jährige Keuschnigg etwas schelmisch dazu.

Dennoch ließ er Grundpositionen durchblicken: "Der österreichische Wohlfahrtsstaat ist im internationalen Vergleich engmaschig aufgestellt. Das bedeutet höhere Arbeitskosten und ist ein Nachteil für die Wettbewerbsfähigkeit." Er glaube aber auch, dass Österreich im internationalen Vergleich "gut positioniert" sei, vor allem, was die niedrige Arbeitslosigkeit betrifft.

Ein großes Problem ortet er allerdings bei der Alterssicherung: also immer weniger Beitragszahler bei immer mehr Beitragsempfängern. "Da gibt es im Prinzip drei Alternativen: höhere Beiträge, die die Jungen belasten; geringere Leistungen, die die gegenwärtig Älteren belasten. Oder die Anhebung des Ruhestandsalters." Letzteres erscheint Keuschnigg am fairsten, wenn es mit langer Vorlaufzeit angekündigt wird.

Athen soll selbst entscheiden

In Sachen Austritt Griechenlands aus der Eurozone schwächte Keuschnigg frühere Aussagen etwas ab, wonach dieser möglicherweise das kleinste Übel sei. Athen habe in den vergangenen Jahren "bereits einen weiten Weg zurückgelegt", deswegen sei es eine "Ironie", dass der Austritt jetzt diskutiert werde, wo doch laut Berechnungen der EU-Kommission im nächsten Jahr die Wirtschaft in Griechenland sich langsam bessert. Die Entscheidung für oder gegen den Euro müsse den Griechen überlassen bleiben.

Sorgen machen sich der IHS-Kuratoriumsvorsitzende Heinrich Neisser (ehemaliger ÖVP-Politiker) und Keuschnigg um die Finanzierung des Instituts, insbesonders um die Basis-Subventionen von Finanzministerium, Stadt Wien und Nationalbank, die zusammen 56 Prozent des Budgets ausmachen. Mit Ausnahme des Finanzministeriums gebe es "keine Garantie über mittelfristige Finanzierung", beklagte Neisser. Das IHS müsse "permanent bei Institutionen antichambrieren, die uns Geld geben können". Der Drittmittelanteil (angewandte Forschung/Auftragsstudien) von 46 Prozent sei fast nicht mehr steigerbar.