Berlin. (reu/red) Die Energiewende in Deutschland wird es nicht zum Nulltarif geben: In den kommenden zehn Jahren sollen insgesamt mehr als 30 Milliarden Euro in die Modernisierung und den Ausbau der Stromleitungen fließen - wenn es nach den Vorstellungen der vier Trägerunternehmen des Ausbaus geht.

Die überregionalen Netzbetreiber 50Hertz, Amprion, Tennet und TransnetBW hatten am Dienstag Bundeskanzlerin Angela Merkel den Entwurf des nationalen Netzentwicklungsplans überreicht. Am Mittwoch erläuterten sie die Grundzüge der Öffentlichkeit. Obwohl gewaltige Investitionen notwendig sein werden, stehe und falle die Energiewende mit dem Ja der Bürger zu neuen Stromleitungen. "Die Umsetzung des Netzausbaus wird das Tempo Energiewende bestimmen", sagte Martin Fuchs, Geschäftsführer der Tennte TSO GmbH. Auch sein Kollege Rainer Joswig (TransnetBW) sieht in der Zustimmung der vom Ausbau betroffenen Bevölkerung eine Schlüsselstellung: "Finanzierrungsfragen kann man am Ende klären, Akzeptanz ist viel schwieriger zu gewinnen", so Joswig.

In der Vergangenheit hatte sich oft Widerstand gegen den Trassenbau geregt. Bürgerinitiativen brachten Großprojekte zum Kippen oder erreichten zumindest erhebliche Verzögerungen.

Kernfrage der Energiewende


Der Plan sieht unter anderem vier Nord-Südkorridore vor, in denen 15 neue Leitungen entstehen sollen. Für einen großen Teil der Überlandleitungen muss der genaue Verlauf noch bestimmt werden. Insgesamt sollen 3800 Kilometer Stromleitungen neu entstehen, 4000 Kilometer an bestehenden Trassen würden modernisiert. Der Verband kommunaler Unternehmen betont allerdings, dass auch die kürzeren regionalen Verteilnetze ausgebaut werden müssten. In Summe könnten sich die Kosten somit auf bis zu 60 Milliarden Euro addieren.

Finanzminister Philipp Rösler will prüfen, wie sich auch institutionelle Anleger wie Versicherungen und Fonds an der Finanzierung der Stromautobahnen beteiligen könnten.

Der Netzausbau gilt als entscheidendes Element der Energiewende. Bis 2022 sollen alle Atomkraftwerke abgeschaltet werden und durch erneuerbare Energie ersetzt werden können. Die deutsche Industrie befürchtet Ausfälle. "Probleme mit Stromunterbrechungen gab es mehrfach", sagte BDI-Präsident Hans-Peter Keitel zur Tageszeitung "Die Welt". Dies führe zu Unmut und Produktionsausfällen. "Das Netz ist eindeutig labiler geworden durch den starken Zubau der Produktionskapazitäten ohne entsprechenden Zubau an Leitungen", so Keitel.

Überschaubare Mehrkosten


Manche befürchten eine Belastungslawine für die deutschen Verbraucher. Der milliardenschwere Ausbau der netze werde die Preise nicht stark in die Höhe treiben, lautet die Einschätzung der halbstaatlichen Deutschen Energieagentur (Dena). "Ich denke, der Netzausbau ist nicht der Kostentreiber der Energiewende", sagte Geschäftsführer Stephan Kohler. Die für den Netzausbau an Land veranschlagten 20 Milliarden Euro würden den Strom nur um 0,4 Cent je Kilowattstunde verteuern. Die Umlage zur Förderung des Ökostroms liege hingegen bereits jetzt bei 3,58 Cent. "Wenn sie alle Netzkosten zusammenrechnen, sind wir bei einem Cent." Laut Kohler würde der Netzausbau die Stromrechnung eines Durchschnittshaushalts im Jahr um 35 Euro verteuern.