Wien. (sf/apa) Wetterkapriolen und Temperaturextreme machen 2012 zu einem Katastrophenjahr für die heimischen Landwirte. "Die Getreideernte ist die schlechteste seit mehr als 40 Jahren und deutlich unter dem langjährigen Durchschnitt von knapp drei Millionen Tonnen", sagt Günter Griesmayr, Vorstandsvorsitzender der Agrarmarkt Austria (AMA). Mit rund 2,3 Millionen Tonnen (ohne Mais) und 4,6 Millionen Tonnen inklusive Mais wird heuer ein Viertel weniger Getreide geerntet werden als im überdurchschnittlich guten Vorjahr.

Trockenheit seit Herbst und Spätfrost in der Nacht auf den 18. Mai haben Bauern in den Hauptanbaugebieten Österreichs - östlich von Tulln - schlechte Erträge beschert. Deutlich geringer sind die Ausfälle im Westen: In Oberösterreich werden fünf Prozent weniger Erntemenge erwartet.

Zu wenig Braugerste

Die Qualitäten seien ausgezeichnet - ein zu hoher Proteinwerte sei allerdings bei Sommergerste ein Nachteil, weil somit nur 40 Prozent der Ernte als Braugerste verwendet werden können. "Wir werden Braugerste importieren müssen", sagt AMA-Verwaltungsratsvorsitzender Franz Stefan Hautzinger. Die Mühlen, die 500.000 Tonnen Getreide pro Jahr verarbeiten, seien ausreichend mit Menge versorgt.

Die Kapazitäten werden heuer aber nicht zur Gänze aus der heimischen Ernte gedeckt werden können. In Österreich werden 2012/13 rund 700.000 Tonnen Getreide mehr verbraucht als produziert werden - "damit ist Österreich Nettoimporteur", sagt Hautzinger. Während Premium-Weizen nach Italien exportiert wird, müsse vor allem minderwertiges Getreide für die verarbeitende Industrie - etwa für die Produktion von Stärke, Mischfutter und Zitronensäure - importiert werden. Diese Einfuhren kommen vor allem aus Ungarn, Tschechien und der Slowakei. Aus diesen Ländern werden heuer sieben Millionen Tonnen Getreide ausgeführt.

"Nicht mit rein österreichischer Produktion umsetzbar" ist laut Hautzinger die Einführung des Biotreibstoffes E10, Benzin mit zehn Prozent Ackerfruchtanteil, für den Mais, Zuckerrüben und Getreide verwendet werden. Landwirtschaftsminister Nikolaus Berlakovich macht sich für eine E10-Einführung mit Herbst stark.

Der Mehlpreis in Österreich dürfte wegen der geringeren Erntemenge um 15 bis 20 Prozent steigen. Um wie viel sich Brot und Gebäck verteuern, ist noch nicht genau abschätzbar. Neben den höheren Mehlpreisen sind auch die Bäcker-Lohnverhandlungen ab Oktober dafür ausschlaggebend.

Mehr verbraucht als erzeugt

Nicht nur in Österreich, auch in der Schwarzmeerregion und in den USA führt die Trockenheit zu Ernteausfällen. In Russland, der Ukraine und Kasachstan - einer der wichtigsten Exportregionen - fehlen laut AMA rund 20 Millionen Tonnen an Getreide, in den USA wurde die Ernteprognose um mehr als 50 Millionen Tonnen nach unten korrigiert. Die USA produzieren ein Drittel der weltweiten Maisernte und sind für mehr als die Hälfte der weltweiten Maisexporte verantwortlich.

Der Weizenpreis liegt derzeit rund 30 Prozent höher als im Vergleichszeitraum des Vorjahres, Mais wurde um zehn Prozent teurer. "Der Trend zu Preissteigerungen der Weltnotierungen für Getreide wird weiter anhalten", erwartet Christian Gessl von der AMA. "Die österreichischen Bauern können mit höheren Erzeugerpreisen rechnen, aber für viele wird aufgrund der geringen Erntemenge trotzdem ein Nullsummenspiel oder ein Verlust herauskommen", sagt Hautzinger.

Weltweit wird die Produktion den Verbrauch an Getreide 2012/13 nicht decken können. Damit werden die globalen Lagerbestände um 30 Millionen Tonnen sinken. Weil durch die ständig wachsende Weltbevölkerung und den steigenden Einsatz in der Verfütterung laufend mehr Getreide verbraucht wird, muss die weltweite Getreideproduktion in den kommenden zehn Jahren laut UN-Organisation FAO um 230 Millionen Tonnen oder zwölf Prozent gesteigert werden, um den Verbrauch decken zu können.