Wien. Finanzmarkt gegen Gütermarkt. Wall Street versus Main- Street. Geldwirtschaft gegen Realwirtschaft. Wenn die zwei Modelle gegeneinander antreten, dann ähnelt das einem Wrestling-Turnier. Und doch: es wäre zu einfach, die Finanzwirtschaft von der Realwirtschaft isoliert zu betrachten.

Denn die Finanzwirtschaft - in ihrer ureigensten Funktion - ist im herrschenden Wirtschaftssystem dazu da, die Ersparnisse von sehr, sehr vielen Menschen zu verwalten und deren Kapital dann dorthin zu lenken (zu allozieren), dass es möglichst produktiv für den Investor arbeiten kann. Diese Leistung der Kapital-Allokation erledigt im Normalfall eine Bank. Denn wenn man selbst über zu wenig Informationen über den abstrakten "Markt" verfügt (also selbst nicht über jedes Detail der verschiedenen Anlageoptionen Bescheid weiß), beziehungsweise sich nicht damit beschäftigen will oder kann, überlässt man das am besten den Finanzexperten. Ein Geldspeicher à la Dagobert Duck oder ein Matratzenversteck ist schließlich keine Option.

- © WZ-Grafik, Quelle: Too Much Finance, 2012, J.L. Arcand, E. Berkes, U. Panizza.
© WZ-Grafik, Quelle: Too Much Finance, 2012, J.L. Arcand, E. Berkes, U. Panizza.

Die traditionelle Geschäftsbank war bis in die 80er Jahre in Europa vorherrschend. Das Geschäft der Universalbank: Sie gibt das Geld gebündelt und besichert an einige - wenige - Menschen weiter, die Investitionen tätigen wollen und am Anfang ihres Unternehmertums noch nicht über das notwendige Kleingeld verfügen. Also wird ein Kredit ausgegeben, das Unternehmen kann zu arbeiten beginnen und sorgt im Idealfall für Beschäftigung. Und für Güter oder Dienstleistungen. Doch was, wenn sich mit Geld mehr Geld verdienen lässt, als mit der Produktion tangibler Waren oder mit Dienstleistungen? Wo liegt die richtige Balance zwischen Finanzwirtschaft und Realwirtschaft?

Erstmals in den 20er Jahren ernstzunehmende Größe
Ist beispielsweise der Finanzplatz Großbritannien nicht einfach nur zu einer Kapital-Produktionsstätte mutiert, die genauso Geld produziert, so wie Deutschland ein riesiges Autohaus zu sein scheint oder Österreich ein einziges Berghotel? Genau! Das meinen zumindest drei Ökonomen aus unterschiedlichen Institutionen wie dem Graduate Institute in Genf, dem Internationalen Währungsfonds (IMF) und der UN-Tochter für Handel und Entwicklung (Unctad). Jean Louis Arcand, Enrico Berkes und Ugo Panizza haben vor kurzem die Studie mit dem Titel "Too much Finance?" vorgestellt. Und kommen zu folgendem Schluss: Es gibt ein Zuviel an Finanz in einer Volkswirtschaft. Eine Tatsache, die sich schon in der Geschichte zeige.