Frankfurt. Mich wundert, dass ich so fröhlich bin. Dieser Simmel-Buchtitel umreißt treffend die absurde Lage an den Finanzmärkten: An den Börsen scheint die Krise vergessen. Die Aktienkurse streben auf Rekordstände. Der Dow-Jones-Index in New York hat am Mittwoch das Vorkrisen-Hoch von Oktober 2007 eingestellt und ist erstmals über die Marke von 14.200 Punkten geklettert, er schloss bei 14.253,77 Punkten.

Doch nicht nur in den USA feiern die Börsianer: Obwohl die Bilanzsaison der französischen Leitbetriebe überaus schwach ausgefallen ist, notiert der Pariser Index CAC-40 bei 3770 Punkten. Das ist zwar deutlich unter dem Rekordkurs von September 2000 (6944 Punkte) - aber manche Analysten sehen den Index binnen Jahresfrist auf 4350 Punkte klettern.

Dank der Wertpapier-Rally ist die Eintrittshürde in den "Forbes"-Klub der Dollarmilliardäre niedrig wie nie. Und das zu einer Zeit, in der sich auf beiden Seiten des Atlantiks Konjunktursorgen türmen: In den USA wegen der ungelösten Budgetkrise. In der Eurozone, weil im wichtigsten Krisenland Italien keine stabile Regierung absehbar ist und die Arbeitslosigkeit neue Höchststände erreicht.

Was genau versetzt die Börsianer also in Jubelstimmung? Die einzig plausible Erklärung ist nicht sehr ermutigend. Es ist weniger das Vertrauen darauf, dass die Krise überwunden ist, sondern ein von den Zentralbanken gezündetes Börsenfeuerwerk: Solange das Geld praktisch zum Nulltarif verfügbar ist, wird nicht nur die Erholung der Realwirtschaft gefördert. Es werden auch verzerrte Anreize gegeben, sodass enorme Geldbeträge in überbewertete Anlageformen fließen - neben Staatsanleihen eben auch in Aktien. Die Sorge ist berechtigt, dass die ultralockere Geldpolitik womöglich neue Blasen aufbläht, die der Weltwirtschaft in wenigen Jahren erst recht den Todesstoß versetzen könnten.

Comeback der toten Katze

Für solch ein trügerisches Zwischenhoch haben englischsprachige Händler übrigens eine anschauliche Metapher - "Dead Cat Bounce": Selbst eine tote Katze springt ein letztes Mal, wenn man sie nur hoch genug fallen lässt.

Auf absehbare Zeit wird sich aber an der lockeren Handhabe der Geldpolitik ohnehin nichts ändern: In Japan beginnt der neue Notenbankchef erst damit, die Schrauben weiter massiv zu lockern. In den USA hat die Fed-Vizechefin - und mutmaßliche Bernanke-Nachfolgerin - Janet Yellen soeben klargestellt, dass die Zeit für eine Kurswende noch lange nicht gekommen ist.

Auch die Europäische Zentralbank wird noch viele Monate am Niedrig-Leitzins festhalten. Die meisten Ökonomen sind überzeugt, dass sie am Donnerstag nichts verändern wird. Wenn, dann geht es aber tendenziell noch unter das Rekordtief von 0,75 Prozent. Man muss kein Prophet sein: Der Ausstieg aus den Notmaßnahmen wird für die Zentralbanken weltweit ökonomisch äußerst heikel und politisch hochumstritten sein.

Der streitbare Münchner Ifo-Chef Hans-Werner Sinn ätzt schon jetzt über "stümperhafte Rettungsversuche". Die EZB habe mit ihrer Ankündigung, alles zur Rettung des Euro nötige zu tun, dessen Kurs hochgetrieben. Das behindere die Gesundung der Krisenländer, weshalb die Zentralbank mit Anleihenkäufen den Kurs schwächen müsse. Damit, so Sinn, würden den Steuerzahlern der "noch soliden Länder riesige Vermögensrisiken" aufgebürdet.

Am Donnerstag wird EZB-Chef Mario Draghi auch mit Fragen konfrontiert sein, wie die Zentralbank auf eine Zuspitzung der Eurokrise in Italien reagieren könnte: Sie hat für Anleihenkäufe zur Bedingung gemacht, dass ein Land einen Antrag an den Rettungsschirm stellt und einen strikten Spar- und Reformkurs verfolgt. Derzeit ist weder eine Regierung in Rom absehbar, noch gibt es eine Mehrheit für die Fortsetzung des Sanierungskurses.