• vom 09.04.2013, 18:13 Uhr

International

Update: 09.04.2013, 21:29 Uhr

Fairness

Dieses Interview? "Unbezahlbar"




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Von Thomas Seifert

  • US-Philosoph Michael Sandel erklärt in seinem jüngsten Buch "Was man für Geld nicht kaufen kann"
  • Das zunehmende Auseinanderdriften von Reich und Arm gefährdet die Demokratie.



"Wiener Zeitung": Professor Sandel, der Titel Ihres jüngsten Buchs lautet: "Was man für Geld nicht kaufen kann". Wie viel sollte mich dieses Interview kosten?


Michael J. Sandel: Ich habe keine Ahnung. Was meinen Sie?

Na ungefähr?

Ich habe nicht die geringste Ahnung.

Denken Sie nur daran, was Sie verdienen könnten, wenn Sie diese Stunde nicht mit mir verschwenden würden?

Also gut: unbezahlbar.

In Ihrem Buch prangern Sie "Markt-Triumphalismus" an.

In den vergangenen 30 Jahren ist die Marktwirtschaft zu einer Marktgesellschaft metastasiert. Die Marktwirtschaft ist ein sehr effizientes Instrument, um Produktivität und ökonomisches Handeln zu organisieren. Sie hat vielen Ländern Wohlstand und Reichtum gebracht. Eine Marktgesellschaft ist freilich etwas anderes, da sprechen wir von einem Lebensstil, in dem das Denken des Marktes in alle Lebenssphären eindringt. In einer Marktgesellschaft steht wirklich alles zum Verkauf. Menschliche Beziehungen, Familienleben, medizinische Versorgung, Bildung, nationale Sicherheit.

Michael Sandel sieht die Gefahr einer Erb-Plutokratie: "Je wichtiger Geld ist, ein desto größeres Problem ist es, wenig davon zu haben."

Michael Sandel sieht die Gefahr einer Erb-Plutokratie: "Je wichtiger Geld ist, ein desto größeres Problem ist es, wenig davon zu haben."© Stanislav Jenis Michael Sandel sieht die Gefahr einer Erb-Plutokratie: "Je wichtiger Geld ist, ein desto größeres Problem ist es, wenig davon zu haben."© Stanislav Jenis

Das größte Problem an der Marktgesellschaft sei mangelnde Fairness, sagen Sie.

Je wichtiger Geld ist, ein desto größeres Problem ist es, wenig davon zu haben. Je mehr man für Geld kaufen kann, desto mehr macht sich soziale Ungleichheit bemerkbar. Wenn viel Geld einfach nur Luxusurlaube, Yachten und Villen bedeutet, dann würde die soziale Ungleichheit weniger ausmachen. Aber wenn es ohne ausreichende Geldmittel keinen Zugang zu guter Bildung und Gesundheitsversorgung gibt oder man sich keine Wohnung in einer sicheren Umgebung leisten kann, dann wird Geld plötzlich sehr wichtig. Wenn dann Geld noch dazu Zugang zu politischer Einflussnahme und zu politischer Macht verschafft, dann ist es noch schlimmer. Wenn die Gesetze des Marktes über bestimmte soziale Werte dominieren, werden andere, wichtige Werte verdrängt.

Kritiker des Marktfundamentalismus stellen sich die Frage, wie eine Summe von Egoismen, die zu Markte getragen wird, ein Ergebnis liefern soll, das der Allgemeinheit dient. Gehören Sie auch zu jenen, die diesen Widerspruch sehen?

Es gibt einflussreiche Ökonomen und Politiker, die glauben, dass Märkte, wenn sie ordentlich funktionieren, eine gerechte Gesellschaft hervorbringen und der öffentlichen Wohlfahrt dienen. Es hat immer geheißen: Märkte ermöglichen Wirtschaftswachstum. Dann hieß es, dass Märkte nicht nur Wirtschaftswachstum schaffen, sondern dass Marktmechanismen Wohlfahrt definieren. Ist das wirklich der Fall? Ein Preis entsteht aus der Übereinkunft von zwei Akteuren am Markt über den Geldwert einer Ware oder Dienstleistung. Eine scheinbar neutrale Sache, die wir für attraktiv halten, weil sie uns eine Diskussion über den Wert dieser Ware oder Dienstleistung erspart. Wir wollen moralischen Fragen aus dem öffentlichen Leben heraushalten, wir wollen nicht darüber diskutieren, wer Zugang zur Gesundheitsversorgung bekommen oder wer in welche Universität gehen soll oder welche Umweltstandards wir setzen wollen. Es ist die Flucht vor moralischer Einschätzung und einem Diskurs über das richtige Leben, die Märkte so attraktiv macht. Und ich glaube, das ist ein Fehler. Ich habe den Eindruck, dass heute der öffentliche Diskurs von technokratischen Management-Diskussionen dominiert wird. Und das hat den politischen Diskurs ausgehöhlt und die Politik von größerer Bedeutung entkleidet. Was wiederum der Hauptgrund für die weit verbreitete Frustration über und Unzufriedenheit mit politischen Parteien sowie der Demokratie insgesamt ist. Wir brauchen aber eine Debatte über die großen Dinge, um die Demokratie wiederzubeleben und um der Zivilgesellschaft wieder Leben einzuhauchen. Wir brauchen eine Alternative zur engen, technokratischen politischen Debatte, die wir heute ständig führen.

Sie sprachen vorhin von Fairness. Was ist denn nun fair: dass ein Hedgefonds-Manager so viel mehr als ein Lehrer oder eine Kindergärtnerin verdient?

Ich habe keine Formel, wie man den gerechten Lohn für jeden Job berechnen könnte. Aber lassen Sie uns über Gerechtigkeit diskutieren: Da gibt es etwa den utilitaristischen Ansatz, der sagt, es geht darum, das größtmögliche Glück für die größtmögliche Anzahl von Menschen zu erreichen, andere sprechen von Freiheit und dem Respekt vor Rechten, wieder anderen geht es um die Kultivierung von bürgerlichen Rechten und Wohlfahrt. Ich versuche, der Debatte einen philosophischen Rahmen zu geben und weniger eine konkrete Antwort. Welche negativen Auswirkungen auf die Motivation hätte etwa ein Maximal-Lohn? Ließe sich - auf der Habenseite - ein gewisses symbolisches Korrektiv für die Exzesse der vergangenen Jahre ablesen?

Jene, die Maximal-Einkünfte diskutieren, sprechen auch über einen Erbschaftssteuersatz von hundert Prozent. Wäre das fair?

In den Vereinigten Staaten geht die Debatte in eine völlig andere Richtung: Da wird die Abschaffung der Erbschaftssteuer diskutiert. Ich denke, dass man auf alle Fälle eine Erbschaftssteuer braucht, um das Entstehen einer Geld-Aristokratie zu verhindern, die nur mehr auf ererbten Vermögen fußt. Jede demokratische Gesellschaft braucht Erbschaftssteuern, und zwar nicht nur um Steuergelder einzuheben, sondern um zu verhindern, dass die Gesellschaft zu einer Erb-Plutokratie mutiert.

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Dokument erstellt am 2013-04-09 18:17:05
Letzte Änderung am 2013-04-09 21:29:08


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