Steueroasen-Experte James S. Henry referierte bei einer Ver anstaltung des VIDC (Wiener Institut für Internationalen Dialog und Zusammenarbeit) und der Arbeiterkammer Wien. - © St. Jenis
Steueroasen-Experte James S. Henry referierte bei einer Ver anstaltung des VIDC (Wiener Institut für Internationalen Dialog und Zusammenarbeit) und der Arbeiterkammer Wien. - © St. Jenis

Wien. Jene Art von Informationsaustausch, den die USA mit Banken in aller Welt anstrebt, gilt als derzeit wirksamstes Werkzeug gegen Steuerhinterziehung. Die sechs größten EU-Staaten nahmen das 2010 beschlossene US-Gesetz (Foreign Account Tax Compliance Act, kurz Fatca) sogar zum Vorbild. EU-intern soll der angestrebte automatische Austausch von Bankkunden-Daten so auf die nächste Ebene gehoben werden.

Aber ist das US-Vorbild Fatca wirklich so effizient? James Henry kostet das einen Lacher: "Das möchte Ihnen vielleicht die Schweizerische Bankiervereinigung einreden", sagt er im Gespräch mit der "Wiener Zeitung". Der Chef des Beratungsunternehmens SAG Harbor Group, früher Ökonom bei McKinsey, ist zugleich Vorsitzender der Globalen Allianz für Steuergerechtigkeit. Der US-Amerikaner gilt als Top-Experte in Sachen Steueroasen, hat unter anderem die G8 zu diesem Thema beraten.

Das Fatca-Abkommen, das die USA mit der Schweiz vereinbart haben, sei alles andere als wasserdicht. Henry traut den Instituten nicht über den Weg: "Dass nun die Schweizer Banken den automatischen Informationsaustausch befürworten, lässt uns vermuten, dass sie Umgehungsmöglichkeiten gefunden haben."

Er hat auch schon Vermutungen, wie: Fatca umfasse keine Versicherer - somit müssten Auszahlungen von Lebensversicherungen nicht berichtet werden. "Omnibus-Konten" (Sammelkonten, die Schweizer Bankangestellte für Kunden unter eigenem Namen führen) seien ebenfalls nicht erfasst. Und weder würden die zig Tonnen Gold, die der (1989 verstorbene) philippinische Diktator Marcos in der Schweiz gebunkert haben soll, noch die Dutzenden Picasso-Gemälde in einem Lagerhaus nahe dem Genfer Flughafen erfasst.

Die einzige Möglichkeit, das in der Schweiz gebunkerte Vermögen umfassend aufzudecken, sei mittels einer unabhängigen Wahrheitskommission, ist Henry überzeugt. Die portugiesische EU-Parlamentarierin Ana Gomes (S&D) hat für dieses Vorhaben bereits knapp 29.000 Unterstützungserklärungen gesammelt.

Wien startet Verhandlungen


In Österreich hat der Ministerrat im Mai grünes Licht für Fatca-Verhandlungen mit den USA gegeben. Für die Vereinigten Staaten habe aber das Nachbarland vorerst Priorität: "Die Schweiz ist ein spezieller Fall: Nicht umsonst liegt das Land in Sachen Intransparenz auf Platz 1 von 75 Schattenfinanzplätzen", sagt Henry.