Befand sich in den Siebziger Jahren aufgrund der Ölkrise Versorgungssicherheit und ab Mitte der 1980er Umweltverträglichkeit im Fokus, so steht in der heutigen Energiepolitik aufgrund der wirtschaftlichen Stagnation vor allem die Wettbewerbsfähigkeit im Vordergrund. In Europa ist der Gaspreis heute vier Mal so hoch wie in den USA, der Strompreis doppelt so hoch. Die "Wiener Zeitung" sprach mit Wolfgang Ruttenstorfer anlässlich der Buchpräsentation von "Powerlines. Energiepolitische Entwicklungslinien Europas", dessen Herausgeber er auch ist, am Dienstag in Wien über europäische Energiepolitik.

"Wiener Zeitung": Wie sieht Ihrer Ansicht nach der ideale Energiemix für Europa aus?

Wolfgang Ruttenstorfer: Eines ist klar: Öl wird in den Bereichen Mobilität und Petrochemie auch in den nächsten Jahren den Ton angeben. Es wird Elektromobilität und gasbetriebene Autos geben, ich will das nicht totsagen - aber das wird ein kleiner, nur langsam wachsender Teil sein. Es ist faszinierend, wie sich Öl vom Rest des Energiemarktes weitgehend entfernen konnte. Der Ölpreis liegt bei 100 Dollar, während Gas, derselbe Energieinhalt, die Hälfte kostet.

Für den Rest des Energiemarktes ist in Europa der Weg in Richtung Wind und Solarenergie vorgegeben. Das ist richtig und gut. Wir müssen nur zusehen, dass wir die Investitionen richtig setzen und marktnäher in der Förderung werden. Wind und Solar werden regional ergänzt durch Wasserkraft oder Kernenergie.

Hinzu kommt Gas als Energieträger, weil Gas es erlaubt, relativ kurzfristig die Produktionsschwankungen anderer Energieträger auszugleichen. Es wird eine Schlüsselfrage sein, die Gasversorgung Europas so aufzustellen, dass wir wettbewerbsfähiger werden. Wir werden nicht so billig werden wie die USA, aber sollten zumindest in die Nähe kommen und damit keine Abwanderung von Schwerindustrie riskieren. Das wird das Energiespektrum Europas sein und ist ohnehin der einzige Weg, den Europa gehen kann.

Aber in Deutschland etwa stehen Gaskraftwerke schon still, weil der Markt mit geförderter Wind- und Solarenergie geflutet wird und sich diese nicht mehr rechnen.

Es ist immer mehr die Diskussion, ob man letzten Endes die Märkte teilt in einen Energiemarkt, aber dann auch in einen Kapazitätsmarkt (ist eine Form des Energiemarktes, in der Kraftwerke nicht mehr nur für abgegebene Leistung Geld erhalten, sondern auch für ihre Betriebsbereitschaft, Anm.). Ich halte das nicht für richtig. Aber wir müssen sicherstellen, dass Gaskraftwerke da sind, um die Schwankungen der anderen Energieträger Wind und Photovoltaik auszugleichen, und da müssen auch die ökonomischen Anreize richtig sein.

Wenn Gas wichtig bleibt - wie kann Europa eine bessere und günstigere Gasversorgung bewerkstelligen?

Wie ist der Gaspreis in den USA gesunken? Durch ein Überangebot. Je mehr Gas nach Europa fließen wird, desto eher besteht die Chance, dass wir preislich nicht auf amerikanisches Niveau, aber in die Nähe kommen. Daher habe ich immer jede Möglichkeit unterstützt, zusätzliche, massive Gasmengen nach Europa zu bringen. Mit der TAP (Transadriatische Pipeline, die sich vor kurzem gegen die von der OMV angetriebene Nabucco-Pipeline im Kampf für aserbaidschanisches Gas durchgesetzt hat, Anm.) wurde eine Leitung gewählt, die nach Italien geht, von der Kapazität relativ begrenzt ist und dort nur hilft, libysches und algerisches Gas zu ersetzen. Ich hätte mir von Europa mehr Engagement erwartet, hier größere Lösungen durchzusetzen, denn Gas gibt es jede Menge in Kurdistan, in Aserbaidschan - zwar nicht morgen, nicht übermorgen - aber wenn ich da eine Autobahn baue, wird es auch einmal fließen.

Ist eine Verlängerung der transanatolischen Pipeline (Tanap) ins gasreiche Turkmenistan realistisch, wie dies EU-Energiekommissar Günther Oettinger fordert?

Das wird noch lange dauern. Zudem glaube ich, dass die Russen Turkmenistan als einen Lieferanten über Russland sehen und dem Ganzen nicht tatenlos zusehen werden.

Woher können dann die großen Mengen, die den Gaspreis in Europa reduzieren können, kommen?

Die können nur aus dem Mittleren Osten und dem Kaspischen Meer kommen, zusätzlich aus Russland, Norwegen und Nordafrika, wie bereits heute. Nur von dort, und eher als Pipelinegas. Denn LNG (Flüssiggas, Anm.) bedeutet doch einige Dollar pro MMbtu (Million British Thermal Unit, Anm.) mehr Handlingkosten. Daher ist es langfristig wesentlich, Pipelines zu bauen.

Und Schiefergas?

Schiefergas wird es in Europa geben, aber nicht in einem mit den USA vergleichbarem Ausmaß. Aus heutiger Sicht wird es nicht der große Angebotstreiber sein.

Manche europäische Länder träumen von Energieautarkie.

Energieautarkie hat überhaupt keinen Sinn - weder auf der Nachfrageseite ist es sinnvoll, getrennt zu verhandeln, noch bei der Frage, wie man einen europäischen Markt gestaltet. Energie ist ein maßgeblicher Produktionsfaktor. Bei wirtschaftlicher Stagnation braucht man günstige Energie und da gehören die Entscheidungen nach Brüssel. Das geschieht aber nur sehr langsam - für mich zu langsam.

Zur Person

Wolfgang Ruttenstorfer,

geboren 1950 in Wien, trat 1976 in die OMV als Referent für Energiepolitik ein. 2002 bis 2011 leitete er den Konzern. 1997 bis 1999 war er SPÖ-Finanzstaatssekretär. Ruttenstorfer selbst hat kürzlich erst in das Solar-Start-up Neovoltaic in der Steiermark investiert.