Washington/Brüssel/Wien. Vordergründig klingt es verlockend: Mehr als 500 Millionen Bürger leben in der EU, rund 315 Millionen sind es in den Vereinigten Staaten - riesige Absatzmärkte, in denen täglich Waren im Wert von 2,7 Milliarden Dollar ausgetauscht werden. Einen Wachstumsschub und hunderttausende neue Stellen versprechen sich Politiker auf beiden Seiten des Atlantiks vom geplanten Freihandelsabkommen - das von der EU-Kommission bereits als "billigstes Konjunkturpaket, das man sich vorstellen kann", gefeiert wird. Bis zu dessen Inkrafttreten ist es aber noch ein sehr weiter Weg. Mit dem Start der Gespräche am Montag wurde ein erster Schritt gesetzt, mehr nicht.

Eine Abwandlung des "Ederer-Tausenders"


Laut der Kommission würde durch das Abkommen die Wirtschaftsleistung in Union und USA je um 0,5 Prozent steigen - was für die EU ein Plus von 65 Milliarden Euro bedeuten würde. Ganze 545 Euro mehr hätte ein durchschnittlicher Haushalt in der Union dank des Freihandelsabkommens, rechnet die Kommission. Beobachter fühlen sich an den "Ederer-Tausender" vor dem Beitritt Österreichs zur EU 1995 erinnert: Die damalige SPÖ-Staatssekretärin und heutige Siemens-Vorständin Brigitte Ederer meinte damals, die Lebenserhaltungskosten einer Familie würden dank EU-Zugehörigkeit um 1000 Schilling pro Monat sinken.

Noch optimistischer zeigen sich Forscher in einer Studie im Auftrag der deutschen Bertelsmann Stiftung. Sie gehen davon aus, dass die Wirtschaftsleistung pro Kopf um fast fünf Prozent steigt und gut zwei Millionen neue Arbeitsplätze geschaffen würden. Die EU-Kommission spricht dagegen von "hunderttausenden neuen Jobs", berichtet der "Spiegel".

Aus Sicht der Freihandels-Befürworter bringt ein Abkommen in Zeiten schlechter Konjunktur für beide Seiten Vorteile. Neben der Schaffung der größten Freihandelszone der Welt brächte das Abkommen eine Verringerung der Zölle. Diese liegen zwar lediglich bei durchschnittlich vier Prozent, dennoch gibt es Spielraum: So finden bis zu 40 Prozent des Handels zwischen EU und USA zwischen Unternehmen statt, die lediglich Bauteile hin- und herschicken und dafür jedes Mal zahlen müssen. Zum anderen erwartet man sich Kosteneinsparungen durch die Angleichung von Normen; Produkte müssten dann lediglich einmal zugelassen werden.

Jahrelanges Ringen
um Einigung zu erwarten


Der für Ende 2014 geplante Abschluss der Verhandlungen dürfte sich wohl deutlich nach hinten verschieben. Nach Bekanntwerden des NSA-Abhörskandals plädierten Politiker in der EU für eine Verschiebung des Abkommens - es dürfte künftig wohl öfters als politisches Faustpfand herhalten.

Zudem warnen europäische Verbraucherschützer vor einer Aufweichung der strengen Standards für gentechnisch veränderte Lebensmittel. Die Sorgenliste reicht bis hin zu den Filmschaffenden, die um die europäische Filmförderung fürchten und vor noch größerer Konkurrenz aus Hollywood bangen.