Mit Milliardenbeträgen im Sekundentakt wird an den Finanzmärkten weltweit gehandelt. Jakob von Uexküll fordert Rechtsschutz nur für jene Finanzinstrumente, die der Realwirtschaft dienen. - © ap
Mit Milliardenbeträgen im Sekundentakt wird an den Finanzmärkten weltweit gehandelt. Jakob von Uexküll fordert Rechtsschutz nur für jene Finanzinstrumente, die der Realwirtschaft dienen. - © ap

Finanzkrise, Schuldenkrise, Wirtschaftskrise. Seit Jahren suchen Politik, Wirtschaft, Gesellschaft und Wissenschaft Wege aus dem Dilemma. Oftmals unangetastet bleibt dabei das Wachstumsparadigma und - trotz heftiger öffentlicher Kritik - der bestimmende Einfluss der Finanzmärkte. So trägt die wenige Quadratkilometer kleine City of London mit ihren geschätzt 40.000 Beschäftigten in Banken, Hedgefonds und Anwaltskanzleien vier Prozent zum britischen Bruttoinlandsprodukt von 2,3 Billionen Dollar bei.

"Wiener Zeitung": Vor 40 Jahren präsentierte der "Club of Rome" seine berühmten Thesen von den Grenzen des Wachstums. War man damals zu pessimistisch?

Jakob von Uexküll: Nein. Wie unachtsam mit erneuerbaren Ressourcen umgegangen wird, sehen wir zum Beispiel daran, dass die Erosion von Ackerland sechsmal so schnell erfolgte wie vom "Club of Rome" prognostiziert. Der Raubbau an Gemeingütern darf nicht mehr als Leistung der Marktwirtschaft gelten, wie über Jahrzehnte propagiert. In den vergangenen 40 Jahren sind viele Bücher mit Lösungsvorschlägen erschienen. Ich kann nicht behaupten, die Kritiker sind gehört worden. Ich kann aber sagen, dass sehr viele Menschen zumindest Hoffnung bekommen haben, weil sie wissen, dass Lösungen grundsätzlich möglich wären.

Hoffnung allein ist wenig handfest.

Ich hoffe, dass wir rechtzeitig die Wende hinbekommen, die Klimaforscher sagen, dass die kommenden fünf Jahre entscheidend sein werden. Viele meinen: "Ja, die Umwelt hat Probleme. Aber jetzt müssen wir die Wirtschaft priorisieren." Aber ohne eine gesunde Umwelt gibt es keine Wirtschaft, letztlich keinen Frieden, keine Menschenrechte und keine Demokratie. Dann gibt es nur einen Kampf alle gegen alle, in einer Welt mit immer knapperen Ressourcen. Was wirklich knapp ist, ist ja nicht das Geld - Geld können wir drucken. Geld drucken ist ja nur inflationär, wenn dem keine neue Leistung, keine Produktion gegenübersteht.

Erst die Politik hat der Marktwirtschaft jene Spielräume eröffnet.

Und bezahlt sie jetzt mit Vertrauensverlust in demokratische Institutionen und zunehmender Skepsis gegenüber der Demokratie selbst. Durch schlichtes Unwissen der Politiker ist es so weit gekommen, dass das Verständnis für Geldfragen sehr wenig verbreitet ist. Wir bräuchten eine grundlegende Geldreform. Und informierte Politiker. Genau, wie man im Mittelalter Latein lernen musste, um mit der Kirche in Diskussion zu treten und ihre absolute Macht zu durchbrechen, brauchen wir heute mehr Menschen, die das Finanzlatein verstehen, um auch hier die nötigen Reformen durchsetzen zu können. Dann werden wir schnell merken, dass die Krisen, vor denen wir heute stehen, die Finanzkrise, die Sozialkrise, die Umweltkrise, eng miteinander verflochten sind. Unsere Entscheidungsträger hörten immer auf ihre Ökonomen, die sagten, alles werde gut. Jetzt wissen die Politiker, es wird nicht mehr gut. Aber sie haben nicht den Mut, das zuzugeben. Luxemburgs langjähriger Premier Jean-Claude Juncker meinte selbst: "Wir wissen ja, was getan werden muss. Aber wir wissen nicht, wie wir das tun und nachher wiedergewählt werden."

Kann ein Politiker seinen Wählern eine dermaßen unbequeme Wahrheit zumuten?

Der frühere US-Präsident Jimmy Carter versuchte zumindest, den Bericht des "Club of Rome" aufzunehmen.

Selbst dann muss aber kein Strukturwandel eintreten. Die Immobilienblase in den USA ist 2008 geplatzt, Experten sehen bereits eine neue folgen. Braucht es eine noch größere Krise?

Ein englischer Bischof sagte mir: "Es hilft nur noch eine Katastrophe in den reichen Ländern. Etwa die Überflutung Londons." Die Subprime-Krise war eine regionale Verwerfung. Mittlerweile haben wir eine viel größere. Man pumpt immer mehr Geld in das alte System, um dieses mitsamt den Blasen einige Jahre weitertreiben zu lassen. Letztlich beruht auch die Wirtschaft auf Vertrauen, daher muss auch in ihrem Interesse eine Umkehr stattfinden.

Wie wollen Sie die Probleme in den Griff bekommen?

Uns fehlt auch ein Grundverständnis dafür, unter welchem Druck und mit welchen geringen Ressourcen Politiker agieren. Wenn Sie Parlamentarier sind, stehen Sie vor dem Problem, dass Sie von Bürokraten und Lobbyisten zu hören bekommen, was alles nicht geht. Und Sie haben ja nicht die Ressourcen und das Wissen, um gegenzusteuern. Das beste Gegenargument ist der Verweis auf ein bereits funktionierendes Beispiel in einem anderen Land. Deswegen habe ich den Weltzukunftsrat gegründet, der mit Expertenkommissionen arbeitet. Diese suchen Best-Policy-Modelle in der ganzen Welt und helfen, sie zu verbreiten und positive Handlungsanreize zu schaffen. Somit ermöglichen wir einen Wissenstransfer für Parlamentarier, schaffen neue Kapazitäten und verbessern die Gesetzgebung.

Welche konkreten Lösungsvorschläge bieten Sie dabei an?

Wir arbeiten zum Beispiel für die Installierung eines UN-Hochkommissars für künftige Generationen. Beim Nachhaltigkeits-Gipfel in Rio 2012 wurde in der Schlusserklärung festgehalten, der Generalsekretär solle eruieren, wie künftige Generationen in die UN-Beschlussfassung eingebunden werden können. Denn wenn etwa heute die Meere verseucht werden, es keinen Fisch mehr gibt, begehen wir ein Verbrechen an künftigen Generationen. Ein wichtiges Thema ist auch die Sicherung von Lebensmitteln und Wasser. So gibt es im brasilianischen Belo Horizonte ein Gesetz, das jedem Bürger eine gesunde Mahlzeit pro Tag garantiert. Mit nur zwei Prozent des städtischen Budgets konnte dadurch die Kindersterblichkeit um 60 Prozent verringert werden.