Mexico City/Wien. Der mexikanische Milliardär Carlos Slim zeigt Interesse an Europa. Nachdem seine Firma America Movil im vergangenen Sommer Anteile von Telekom Austria gekauft hat, legt das Unternehmen jetzt eine Offerte zur Übernahme von 100 Prozent des niederländischen Telekom-Konzerns KPN vor. Anlass war die Vereinbarung von KPN mit der spanischen Telefónica, die die deutsche KPN-Tochter E-plus für einen Preis von 8,1 Milliarden übernehmen will. Slim will den Verkauf verhindern. Vor zwei Wochen kündigte er deshalb das Abkommen mit KPN, das seinen Anteil an dem holländischen Kommunikationsunternehmen auf 30 Prozent beschränkte, und legte jetzt sein Angebot für die Totalübernahme vor.

"Entwicklung ist vorgezeichnet"

Die Offerte heizt Übernahmespekulationen bei der Telekom Austria an. Die Aktie des österreichischen Unternehmens legte am Freitag bis zu zehn Prozent zu. Börsianer und Firmeninsider gehen davon aus, dass America Movil früher oder später auch die Mehrheit an der Telekom Austria übernehmen will. "Die Entwicklung ist vorgezeichnet. Das wird hier genauso ablaufen", hieß es aus Unternehmenskreisen. Über die konkreten Pläne Slims wird allerdings in Wien gerätselt.

An der Telekom Austria hält America Movil derzeit 23,7 Prozent. Weitere 3,14 Prozent hat Slim über sein Unternehmen Immobiliaria Carso. Sie werden aber rechtlich nicht zu dem America-Movil-Anteil gezählt. Den Großteil des Pakets hatte der Konzern vergangenen Herbst vom österreichischen Investor Ronny Pecik übernommen und dafür informierten Kreisen zufolge 9,50 Euro je Aktie bezahlt.

Ab Herbst könnte ein Einstieg in größerem Stil für die Mexikaner attraktiv werden - zumindest was den Preis betrifft: Denn bis 25. September müsste Slim bei einem Übernahmeangebot für die Telekom Austria nach österreichischem Übernahmegesetz mindestens jene 9,50 Euro je Stück bieten, die er vergangenes Jahr auf den Tisch gelegt hat. Danach würde sich eine Offerte am Marktpreis orientieren - und der liegt auch nach dem kräftigen Kursplus am Freitag mit 5,79 Euro deutlich unter dem Einstiegspreis. "Nach dem 25. September würde ein mögliches Pflichtangebot günstig ausfallen", sagte der Telekom-Insider. Ein solches würde dann fällig, wenn der Anteil von America Movil die Schwelle von 30 Prozent übersteigt. Ein Unternehmenssprecher wollte sich dazu nicht äußern. "Wir kommentieren diese Situation nicht, das ist eine Eigentümerfrage", sagte er.

Obwohl die Vorzeichen günstig scheinen, erwarten Experten keine rasche Übernahme der Telekom Austria durch die Mexikaner. Bei KPN sei Slim wegen der Verkaufspläne von E-Plus zum Handeln gezwungen worden, sagte Raiffeisen-Analyst Bernd Maurer. "Diese Dringlichkeit besteht bei der Telekom Austria nicht." Die KPN-Offerte beflügle zwar die Telekom-Austria-Aktie, aber mache "eine unmittelbare Übernahme der Telekom Austria nicht wahrscheinlicher" - zumal es für die Mexikaner schwer sein dürfte, zwei Zukäufe parallel zu stemmen, sagte Maurer.

Wenn Slim sein Aktienpaket deutlich ausbaut, benötigt er dafür außerdem grünes Licht der österreichischen Bundesregierung. Laut Außenwirtschaftsgesetz bedarf der Einstieg eines außereuropäischen Investors mit mehr als 25 Prozent bei einem österreichischen Unternehmen im "Bereich der öffentlichen Sicherheit und Ordnung" der Zustimmung des Wirtschaftsministeriums. Telekommunikation fällt darunter. Die ÖIAG hält eine Sperrminorität von 28,42 Prozent an der Telekom - und ist damit der größte Einzelaktionär. Sie könnte wesentliche strategische Weichenstellungen wie eine Übernahme durch Slim verhindern. Eine Anteilsaufstockung oder Mehrheitsübernahme gegen den Willen der österreichischen Regierung ist daher nur sehr schwer vorstellbar. Um Klarheit über den künftigen Kurs in Österreich zu erhalten, könnte Slim vor weiteren Schritten zunächst auch die Parlamentswahlen Ende September abwarten.

Der Betriebsrat der Telekom Austria ist jedenfalls strikt gegen eine Übernahme durch America Movil. TA-Holding-Betriebsrat Alexander Sollak forderte von Finanzministerin Maria Fekter ein klares Bekenntnis dazu, dass der Staat auch weiterhin der bestimmende Aktionär bei der Telekom bleibe.