Alpbach. Rufus Pollock glaubt an die Macht der Information - zugunsten des Gemeinwohls. Der britische Ökonom leitete beim diesjährigen Europäischen Forum Alpbach das Seminar "Open Data, Open Government, Open Society".

Ökonom Rufus Pollock glaubt an die Macht der Information als Gemeinwohl. - © Foto: Philip Naderer EFA
Ökonom Rufus Pollock glaubt an die Macht der Information als Gemeinwohl. - © Foto: Philip Naderer EFA

"Wiener Zeitung": Das Internet versprach einst die Freiheit der Kommunikation. Jetzt stellt sich heraus, dass sie vollständig überwacht wird. Ist das Internet gescheitert?

Rufus Pollock: Ich glaube, das Internet ist weder gut noch schlecht, aber es bietet die Chance, auch die weniger Mächtigen mit mehr Macht auszustatten. Es ist wie beim Zeitungsdruck: Der nutzte dem König, aber mehr noch dem Volk, denn das hatte vorher keinen Zugang zu Information. Heute profitiert Google, aber noch mehr der Bürger, einfach deshalb, weil die Kosten für Kommunikation so viel geringer geworden sind. Bei Open Data geht es um nichtpersönliche Daten und die Frage, wie man die vorhandenen Daten miteinander teilt. Ebenso stellt sich mit dem Internet generell die Frage, wie man mit Daten umgeht, wer Zugang hat usw. Das hat mit dem Medium selbst wenig zu tun.

Es sollten in jedem Fall die Menschen sein, die darüber entscheiden, welche Daten für wen offen sind und in welchen Fällen von Agenturen wie der NSA auf die gesammelten Daten zugegriffen werden kann. Prism sagt weniger über das Internet als über den Staat.

Im Moment erleben wir einen Staat, der weniger an Open Data interessiert zu sein scheint als an Überwachung, und eine Gesellschaft, die die Möglichkeiten der Internetkommunikation hauptsächlich für den Konsum nutzt. In welche Richtung wird sich das Internet weiterentwickeln?

Ich weiß nicht, ob die Überwachung wirklich mehr geworden ist, aber der kommerzielle Aspekt des Internets ist interessant. Viele Güter in der Wissensgesellschaft neigen zu sinkenden Grenzkosten, je mehr Nutzer es gibt: Die Server von Google kosten sehr viel Geld, aber die Betriebskosten fallen mit jedem weiteren Nutzer weniger ins Gewicht. Daher rührt auch die Tendenz zu einigen wenigen großen Monopolen im Bereich der Informationstechnologien. Das Problem ist, dass die Güter, die diese Monopole verkaufen, so wichtig sind wie Energie oder Wasser: Sie verkaufen Kommunikation und Vernetzung. Man kann sich heute nur zu sehr hohen sozialen Kosten von sozialen Netzwerken ausschließen. Wir sind auf die Dienstleistungen von Google oder Twitter angewiesen.

Mit mehr Wettbewerb würden die Monopole aufgelöst. Andernfalls könnte es sein, dass die Monopole noch weiter anwachsen und die wenigen kleinen Anbieter verdrängen würden, die es gibt. Das würde noch mehr Menschen dazu bringen, ihre privaten Daten für die Anwendungen herzugeben. Aber das ist sehr pessimistisch gedacht.

Wenn die sozialen Netzwerke so wichtig sind wie die Energie- oder Wasserversorgung, würde es Sinn machen, sie als Allgemeingut zu verstaatlichen?

Das wäre interessant, wenn die EU zum Beispiel Google kaufen oder ein Konkurrenzprojekt starten würde. Eine andere Möglichkeit wäre es, mehr Wettbewerb zu fördern und den Markt gezielter zu regulieren. Das ist auch die günstigere Variante. Wollte man eine Google-Alternative für die Internetsuche aus dem Boden stampfen, müsste man mindestens 500 Millionen Dollar investieren, aber man kann mit weniger Geld Start-ups und Innovationen fördern, die den Wettbewerb in dem Feld bereichern.

Das wäre wieder eine Marktlösung für das Monopolproblem.

Ja, das Geschäftsmodell macht es möglich, dass nicht die Suche selbst zu einer Ware wird. Natürlich, auf der anderen Seite werden die damit verknüpften Daten zu einer solchen. Aus diesem Grund bin ich auch für mehr Wettbewerb und mehr Regulierung in dem Bereich. Ein bisschen Wettbewerb gibt es ja durchaus, und man kann, wenn man das will, auch Open-Source-Angeboten den Vorzug geben. Mit Trovebox hat man zum Beispiel eine Alternative zu Flickr und Instagram. Und man muss auch sehen, dass Facebook und Google tatsächlich Dienstleistungen erbringen. Allein die Speicherkapazität kostet Millionen Dollar im Monat. Ich bin mir übrigens auch nicht sicher, ob der Staat das Ganze transparenter machen würde.

Es ist in der Regel der Staat, von dem man die Offenlegung von Daten und Transparenz verlangt. Welchen Sinn hat es heute, das Budget des Bezirks oder die Höhe der Agrarsubventionen zu kennen, wenn Unternehmen wie Monsanto ihre Anliegen direkt mit den politischen Entscheidungsträgern verhandeln können?

Die Offenlegung von Informationen ist die Voraussetzung, um Entscheidungen zu beeinflussen oder bestimmte Zusammenhänge überhaupt erst zu erkennen. Das heißt natürlich, dass Open Data nicht auf den Staat beschränkt sein muss. Ich denke schon, dass die Staaten heute noch genug Macht haben, auch multinationale Konzerne zu regulieren und zum Beispiel die Offenlegung von Informationen zu verlangen. Und auch wir selbst sind den Konzernen ja nicht ausgeliefert, ebenso wenig müssen wir darauf warten, dass man uns Informationen zur Verfügung stellt. Wir können das selbst tun. Wir können heute mit einem einfachen Smartphone Informationen sammeln oder mit relativ billigen Geräten die Wasserqualität eines Flusses bestimmen und diese Daten mit anderen teilen. Offenheit und Teilen von Information stärken das gemeinsame Handeln. Damit sind wir alle gemeinsam eigentlich stärker als Monsanto.