Dallas/London. (vee/reuters) Fressen oder gefressen werden - aktuell scheint es am Telekommunikationsmarkt nur wenige Optionen zu geben. Nach dem möglichen Ausstieg des größten europäischen Telekomkonzerns Vodafone aus dem Joint-Venture mit dem US-Branchengiganten Verizon in den USA bekundet nun AT&T Interesse an Vodafone. Dies berichtet die Nachrichtenagentur Bloomberg und beruft sich auf mehrere Insider.

AT&T ist die Nummer 1 am US-Markt und bereits seit Längerem auf der Suche nach Akquisitionsmöglichkeiten in Europa. Laut Analyst Robin Bienenstock der Maklerfirma Sanford Bernstein könnte die Transaktion für etwa 124 Milliarden Dollar erfolgen.

Der größte US-Mobilfunkanbieter schaue allerdings nur auf das Mobilfunk-Geschäft von Vodafone, sagte eine der befragten Personen. Sollte Vodafone jedoch massiv in Kabeldienste und das Festnetz investieren, würde dies AT&T abschrecken. Genau dies plant allerdings Vodafone, das beispielsweise Kabel Deutschland für knapp elf Milliarden Euro übernimmt.

AT&T könnte Marktmacht weiter ausbauen

Bei einer Übernahme von Vodafone durch AT&T würde sich der amerikanische Mobilfunkmarkt grundlegend verändern. AT&T, das im Jahr knapp 170 Milliarden US-Dollar Umsatz machte, könnte seine Vormachtstellung am Markt weiter ausbauen. Seit Jahren liefern sich AT&T und Verizon ein Kopf-an-Kopf-Rennen. Aktuell liegt AT&T, gemessen am Marktanteil, nur drei Prozent vor seinem Konkurrenten.

Erst am Donnerstag war bekannt geworden, dass Verizon bereit ist, für den 45-prozentigen Anteil des britischen Konzerns Vodafone am Gemeinschaftsunternehmen 130 Milliarden US-Dollar auf den Tisch zu legen. Dies meldete das "Wall Street Journal" unter Berufung auf Finanzkreise. Ob eine Einigung zwischen den beiden gelingt, ist offen. Bereits in der ersten Septemberwoche könnte das Angebot publik gemacht werden.

Deals mischen auch europäischen Markt auf

Sollten die Konzerne wirklich getrennte Wege gehen, wäre dies die drittgrößte Unternehmensübernahme überhaupt. Mit den Einnahmen könnte Vodafone vor allem sein Geschäft in Europa stärken und den Druck auf Mitbewerber wie die Deutsche Telekom erhöhen.

Verizon versucht schon seit Jahren, den ungeliebten Partner Vodafone loszuwerden. Insidern zufolge sei man im Gegenzug für die geplante Komplettübernahme des amerikanischen Geschäfts bereit, seinen 23-prozentigen Anteil an Vodafone Italia zurückzugeben. Dessen Wert beträgt rund vier Milliarden Euro.

Die Berichte über eine mögliche Trennung jedoch ließ man bei Verizon vorerst unkommentiert. Bloomberg zitierte jedoch einen Insider, demzufolge Verizon bereits mit Banken über die nötigen Milliardenkredite spreche. Zudem habe man bereits in den Verkaufsverhandlungen erste Details des Deals konkretisiert. So will der US-Konzern für den Anteil mit Aktienvermögen wie Bargeld bezahlen und sich dafür 50 Milliarden Dollar oder mehr leihen.

Als Beute für mögliche weitere Übernahmen wird von Analysten aktuell aber auch die Telecom Italia eingestuft. Der Telekom-Primus des kriselnden Euro-Landes macht die Schwäche der heimischen Wirtschaft und der harte Preiskampf zu schaffen. Anfang des Monats senkte er seine Gewinnprognose, nachdem ihm milliardenschwere Abschreibungen in den ersten sechs Monaten einen Nettoverlust von 1,4 Milliarden Euro eingebrockt haben.

Analysten von Bernstein schätzen, dass die geringe Bewertung, das interessante Brasilien-Geschäft sowie die Verkaufsbereitschaft einiger Aktionäre den Konzern noch heuer zu einem Übernahmekandidaten machen werden. Infolge dieser Spekulationen legten die Telecom Italia Aktien um fast 10 Prozent zu. Als Interessenten hat Bernstein Vodafone, aber auch AT&T ausgemacht.