Der Staat soll Geld drucken, anstatt Anleihen aufzulegen. - © fotolia
Der Staat soll Geld drucken, anstatt Anleihen aufzulegen. - © fotolia

"Wiener Zeitung": Die Gefahr eines US-Staatsbankrotts ist vorerst gebannt, es gab eine Einigung in letzter Sekunde. Das Schulden-Problem bleibt bestehen. Sehen Sie eine Lösung?

Richard Werner: In Abschnitt acht der US-Verfassung ist festgehalten, dass der Kongress das Privileg hat, Geld zu schöpfen. Dieses Privileg wurde aber seit 100 Jahren kaum benutzt. Warum hat der Staat so viel Schulden? Weil der Staat das in der Verfassung verbriefte Privileg, Geld zu schöpfen, nicht mehr wahrnimmt, sondern sich Geld lieber leiht und dafür Zinsen zahlen muss. Vor der Einführung der Federal Reserve wurde Staatsgeld gedruckt. Doch dann wurde die private Zentralbank geschaffen. Man muss sich vergegenwärtigen, dass die Federal Reserve Bank of New York - der wichtigste Player im Zentralbankensystem der USA - im Besitz der Wall Street ist.

Welche Folgen hat das Gezerre um die Schuldenobergrenze für die Anleihenmärkte?

Ich denke, es ist ganz gesund, dass sich die Anleger darüber im Klaren werden, ob Staatsanleihen immer und in jedem Fall eine gute, sichere Anlage sind. In den Modellen werden Staatsanleihen ja immer als risikolose Investments gesehen, aber das sind sie natürlich nicht. Neben der Herausgabe von Staats-Geld gibt es eine zweite Methode, die Anleihen-Märkte zu umgehen: Staaten könnten einfach Kredite bei Banken nehmen. Das wurde früher so gemacht und der Staat bekommt das Geld zu vorteilhafteren Konditionen als dies auf den Anleihemärkten der Fall ist.

Sie plädieren für ein Finanzsystem der kleinen Banken, die eng mit den regionalen Märkten und Kunden verzahnt sind.

Der deutsche Wirtschaftswissenschafter Richard A. Werner gilt als scharfer Kritiker der EZB und der Bankenunion.
Der deutsche Wirtschaftswissenschafter Richard A. Werner gilt als scharfer Kritiker der EZB und der Bankenunion.

Genau. Es geht auch um den Kunden: Der wird sich die Frage stellen, wohin mit meinem Geld, was machen die Banken damit? Wollen die Kunden ihr Kapital wirklich jemanden überantworten, der das Geld dann für Finanzspekulationen in London verwendet? Oder wollen sie es lieber einer Bank anvertrauen, die die lokale Wirtschaft unterstützt? So ein traditionelles System der Sparkassen und Genossenschaftsbanken ist auch viel stabiler und weniger krisenanfällig.

Sie gelten als scharfer Kritiker der EZB und der Bankenunion. Warum?

Die EZB spielt als großer Player leider eben gerne mit den anderen Big Boys auf den Märkten und kümmert sich um die vorhin erwähnten kleinen, nützlichen Akteure auf den regionalen und lokalen Märkten nicht. Dazu kommt: Die Statuten der EZB sind schwer änderungsbedürftig. Mir fällt keine andere Zentralbank ein, die undemokratischer wäre. Die EZB unterliegt keiner parlamentarischen Kontrolle und ist niemanden Rechenschaft schuldig. Wie sagte noch der britische Historiker Lord John Emerich Edward Dalberg-Acton: "Macht korrumpiert. Absolute Macht korrumpiert absolut."