Die Näherin Yasmin Akter (25) arbeitete im zweiten Stock der am 24. April eingestürzten Rana-Plaza Fabrik. 1127 Menschen kamen ums Leben, Yasmin konnte sich retten. - © WZ/Thomas Seifert
Die Näherin Yasmin Akter (25) arbeitete im zweiten Stock der am 24. April eingestürzten Rana-Plaza Fabrik. 1127 Menschen kamen ums Leben, Yasmin konnte sich retten. - © WZ/Thomas Seifert

Dhaka. Dort, wo jetzt eine Baulücke klafft, in der sich Wasser in einem kleinen Tümpel sammelt, stand einst das Rana-Plaza-Gebäude, ein achtstöckiger Bau, in dem tausende Näherinnen Textilien fertigten.

Die 25-jährige Yasmin Akter saß am 24. April 2013 um 8.45 Uhr wie jeden Tag an der Nähmaschine im zweiten Stock des Gebäudes für die Firma "New Wave Bottom Ltd." und schneiderte Reißverschlüsse, Taschen und Gürtelbänder in Hosen ein. Plötzlich war die Elektrizität weg - keine Seltenheit in dem von Stromausfällen geplagten Bangladesch.

Nur einen Augenblick, nachdem die Generatoren wieder ansprangen, krachte die Decke herunter. Später werden die Experten sagen, dass die überall auf den Stockwerken verteilten und gleichzeitig anspringenden Generatoren der ohnehin schon äußerst geschwächte Statik des Hauses den Rest gegeben haben.

Als das Gebäude in sich zusammenbrach, fand Yasmin Akter durch eine dichte Staubwolke den Weg zu einer Fensteröffnung, durch die sie in Panik aus dem Gebäude fliehen konnte. Sie hat nur ein paar Erinnerungsfetzen an das Erlebte: das Wimmern und Stöhnen der Schwerverletzten, die Gedanken an die Kolleginnen, die zuvor noch ein paar Meter von ihr entfernt gestanden und von den dicken Betonplatten zerquetscht worden sind. Sie weiß auch nicht, wie sie sich bei der Flucht schwer an der Hand verletzt hat, aber sie lebt - und das ist, was zählt.

Das Rana-Plaza-Gebäude in einem Außenbezirk von Dhaka war illegal aufgestockt worden, ohne dass irgendjemand die Statik beachtet hätte, 1129 Menschen starben in den Trümmern - der schlimmste Arbeitsunfall in der Geschichte von Bangladesch.

Risse in den Wänden

Christina Schröder und Ines Zanella von der Entwicklungsagentur "Südwind" am Schauplatz des Einsturzes. - © WZ/Thomas Seifert
Christina Schröder und Ines Zanella von der Entwicklungsagentur "Südwind" am Schauplatz des Einsturzes. - © WZ/Thomas Seifert

Kurz vor dem Gebäudeeinsturz haben Yasmin Akter und ihre Kolleginnen und Kollegen Risse in den Wänden bemerkt. Eine im Haus ansässige Bankfiliale hatte ihre Angestellten nach Hause geschickt und die Filiale geschlossen, doch das Management von New Wave Bottom Ltd. wollte, dass Yasmin Akter und ihre Kolleginnen weiterarbeiten, die Vorarbeiter versuchten, die Näherinnen mit Durchsagen, die aus dem schnarrenden Lautsprecher kamen, zu beruhigen: "Niemand braucht Angst zu haben, das Gebäude wurde kontrolliert und ist sicher."

Nun, Monate nach dem Einsturz, sitzt Yasmin Akter ruhig auf einem Plastiksessel vor ihrem Haus in der Nähe der Rana-Plaza-Ruine, trägt eine leuchtend-orange Dupatta als Kopftuch und den traditionellen Salwar Kameez in gelben und rosafarbenen Pastelltönen und erzählt das alles so nüchtern und sachlich, als zitiere sie aus einem Polizeibericht. Einzig das nervöse Herumnesteln an ihren Händen verrät, dass sie bei ihren Erzählungen keineswegs so ruhig ist, wie es den Anschein hat.

Für ihre schwere Handverletzung hat Yasmin 16.000 Taka (ca. 160 Euro) Entschädigung vom irischen Textilkonzern Primark erhalten, dem Auftraggeber ihres Arbeitgebers. Bis heute kann die junge Frau aber nicht wieder zurück in eine Textilfabrik gehen: "Ich will nicht wieder in so ein Gebäude arbeiten gehen. Die Geräusche, der Raum: Das macht mir Angst."

Yasmin Akter verdiente in der Fabrik rund 48 Euro pro Monat, mit den Überstundenzuschlägen rund 70 Euro im Monat. Mit ihrem Einkommen und dem Geld ihres Mannes kam die dreiköpfige Familie so recht und schlecht über die Runden. Yasmin Akters einziger "Luxus": ein altes Mobiltelefon. Seit dem Rana-Plaza-Einsturz, bei dem Yasmin Akter ihren Arbeitsplatz verloren hat, verzichtet ihre Tante, bei der sie wohnt, darauf, 15 Euro Miete von ihr zu nehmen: Wenn sie das nicht täte, müsste Yasmin aufs Land zurückgehen.

Im Nachbargebäude des eingestürzten Rana Plaza wird schon wieder gehämmert und gebaut. Dort fanden Christina Schröder und Ines Zanella, Mitarbeiterinnen der Entwicklungsagentur "Südwind", zwischen Schutt und verbogenen Metallteilen einen Gewandberg mit Kleidung verschiedener Hersteller, darunter Tops der Verona-Feldbusch-Pooth-Linie des Textildiskonters KiK. Hat KiK Lehren aus der Tragödie gezogen? Nach einer Unternehmensmitteilung wurde ein Übereinkommen für Brandschutz und Gebäudesicherheit in Bangladesch unterzeichnet. In der E-Mail an die "Wiener Zeitung" heißt es, dass das Unternehmen Verantwortung für die Einhaltung sozialer und arbeitsrechtlicher Mindeststandards übernehmen würde: "Dieses klare Bekenntnis entlässt aber weder staatliche Stellen noch das lokale Management aus der Verantwortung."

Näherinnen in Bangladesch. - © WZ/Thomas Seifert
Näherinnen in Bangladesch. - © WZ/Thomas Seifert

Der italienische Mode-Riese Benetton, der ebenfalls im Rana Plaza produzieren ließ, verspricht in einem an die "Wiener Zeitung" gerichteten E-Mail, Entschädigungen für die Opfer des Einsturzes und verweist auf eine Zusammenarbeit mit der größten NGO von Bangladesch, BRAC, durch die die Überlebenden des Einsturzes Hilfe erhalten sollen. Doch Überlebende beklagen im Gespräch mit der "Wiener Zeitung", dass sie nach wie vor auf Entschädigungen der Textilkonzerne warten.

Tod in den Flammen

Die Tazreen Fashion Factory, die zum Tuba-Konzern gehört, liegt nur rund zehn Kilometer nordöstlich von Rana Plaza in Stadtteil Ashulia. Dort hat sich am 24. November 2012 ebenfalls eine Tragödie zugetragen, die um 18.50 Uhr ihren Ausgang nahm.