"Wiener Zeitung": Sie haben schon mit 12 Jahren in Textilfabriken gearbeitet, leiten jetzt das "Zentrum für Arbeiter-Solidarität in Bangladesch". Wen machen Sie für die Missstände in vielen Fabriken in Bangladesch und die mit Regelmäßigkeit wiederkehrenden Arbeitsunfälle verantwortlich?

Kalpona Akter: Die Gier der Markenfirmen. Sie hätten es in der Hand, das alles zu verhindern. Um diese gefährlichen Fabriken zu sanieren, bräuchten Sie pro Kleidungsstück nur fünf Cent mehr zu bezahlen. Soeben haben 86 Markenfirmen - die meisten sind europäische Konzerne - ein Abkommen unterzeichnet, bei dem auch die Gewerkschaften mit an Bord sind. Das gibt Hoffnung. Die Modefirmen verpflichten sich darin, für die nötigen Arbeitsschutzmaßnahmen zu sorgen. Neben der Sicherheit am Arbeitsplatz gibt es ein zweites, wichtiges Anliegen: Die Konzerne müssen den Textilarbeiterinnen und Textilarbeitern endlich ordentliche Löhne zahlen. Derzeit liegen die Mindestlöhne bei 28 Euro pro Monat. Die meisten Arbeiter bekommen zwischen 33 und 40 Euro, aber man braucht mindestens 75 Euro im Monat für ein halbwegs anständiges Leben. Drittens: Wir brauchen Gewerkschaften in den Fabriken. Die Modemarken sollen sicherstellen, dass die Bildung von Gewerkschaften in den Fabriken, bei denen sie ihre Waren beziehen, nicht behindert wird. Das Problem ist, dass die Textilfabrikanten-Lobby in Bangladesch sehr mächtig ist, rund
10 Prozent unser Parlamentarier sind Besitzer von Textilfabriken. Sehr oft arbeiten Gesetzgeber und Fabrikbesitzer Hand in Hand.

Sie waren eben erst in New York, um dort mit Designern und Models über die Realität in der Textilindustrie in Bangladesch zu sprechen.

Die Arbeiterinnen machen mit der Kleidung, die sie herstellen, die Models, aber auch die Konsumentinnen und Konsumenten in den westlichen Ländern schön. Jeden Tag, jede Minute über Monate und Jahre hinweg machen sie dieselbe Arbeit. In den meisten Fällen wissen die Konsumenten in den westlichen Ländern nicht, wie es den Arbeiterinnen, die ihre Kleider machen, geht. Das scheint niemanden zu interessieren. Es geht übrigens nicht um Boykott: Der Textilkonsum ist für die Wirtschaft von Bangladesch wichtig. Wir haben vier Millionen Arbeiterinnen und Arbeiter, die von der Textil-Industrie leben. Die Konsumenten in Europa und Nordamerika sollen die Kleidung kaufen, aber die Modemarken in die Pflicht nehmen und sie an die Verantwortung gegenüber den Arbeiterinnen und Arbeitern erinnern.