Detroit/Turin. (vee/ag) Während sich die EU den Kopf zerbricht, wie sie die Abwanderung der Industrie aus Europa stoppen kann, philosophiert der Boss des nächsten Traditionskonzerns über Vor- und Nachteile einer Verlagerung seines Headquarters außerhalb der Grenzen der Union. Der 115-jährige italienische Autobauer Fiat könnte seinen Hauptsitz in die USA verlegen, deutete Firmenchef Sergio Marchionne bei einer Pressekonferenz am Rande des Autosalons in Detroit an.

Der als Querdenker bekannte 61-Jährige sprach zwar nicht offen von einem Umzug, sinnierte aber auffällig lange über die Frage der Standortverlagerung: Eine Firma solle natürlich dort angesiedelt sein, wo sie den einfachsten Zugang zu Kapitalmärkten und Liquidität habe. Eine Notierung an der New Yorker Börse sei damit naheliegend, aber nicht zwingend, so Marchionne. "Stellt man die Frage objektiv, dann haben die USA natürlich einen großen Anspruch auf Fiat-Chrysler." Und: Es habe natürlich Sinn, sich nach dem stärksten Absatzmarkt zu richten.

Gerüchte um einen Umzug in die USA gibt es seit längerem. Die deutlichen Worte kommen nun wenige Tage, bevor die Italiener die vollständige Übernahme des US-Autobauers Chrysler abwickeln. Fiat legte nach langem Tauziehen mit einem US-Pensionsfonds 4,4 Milliarden Dollar auf den Tisch und erhält dafür die restlichen 41,5 Prozent am drittgrößten US-Autohersteller, die den Italienern bisher noch nicht gehörten. Das Geschäft soll bis 20. Jänner über die Bühne gehen und den bereits eng kooperierenden Partnern weitere Größenvorteile bringen.

Bei dieser Fusion schluckt aber ein kleiner einen großen Fisch. Bereits jetzt steht Chrysler für mehr als die Hälfte des Gesamtumsatzes und hält den Konzern in den schwarzen Zahlen. Fiat allein hätte im ersten Geschäftshalbjahr 2013 einen Verlust von rund einer halben Milliarde Euro eingefahren, kam dank Chrysler aber auf einen Gewinn von 435 Millionen Euro.

Während also das US-Geschäft immer wichtiger wird, sind die Werke in Italien laut Schätzungen der Marktforscher von IHS Automotive nur zu 41 Prozent ausgelastet. Tausende Arbeiter befinden sich dort in Kurzarbeit. Fiat verkaufte im ersten Halbjahr 2013 um 56.000 Autos weniger als im Jahr davor - das sind laut "Welt" so wenige wie zuletzt in den 1970er Jahren. Global gesehen sackte Italien laut dem Ranking der Auto-Produktionsländer des Autoverbandes Acea binnen zehn Jahren von Rang 11 auf Rang 21 ab.

Attraktiver US-Markt

Trotz der Flaute in Europa hatte Fiat - immerhin größter privater Arbeitgeber in Italien - den Gewerkschaften und der Politik versprochen, keine Werke in der Heimat zu schließen. In Detroit beschwichtigte Marchionne, dass eine Verlegung des nach der Fusion zum siebentgrößten Autobauer der Welt aufsteigenden Konzerns in die USA und eine etwaige Notierung der Fiat-Chrysler-Gruppe an der New Yorker Börse nur "vernachlässigbare" Folgen für die weltweiten Produktionsstätten und Arbeitsplätze hätten. Die Gewerkschaften sind skeptisch.

Experten wiederum beurteilen die Tendenz in Richtung USA positiv. "Mit einer Börsennotierung in den USA könnten sich die Investitionen und die Art, wie die Menschen über das Unternehmen denken, komplett ändern", meint der Analyst George Galliers. Heute gelte der Konzern als schwacher europäischer Wettbewerber, mit einem Gang an die Wall Street würde die Gruppe hingegen in einer Liga mit General Motors und Ford spielen.

Marchionne sagte aber auch, dass es gar nicht allein in seiner Hand liege, eine Entscheidung über den Konzernsitz zu treffen. Ende Jänner kommen Vorstand und Aufsichtsrat zusammen, neben einem neuen Namen für die Gruppe wird auch darüber entscheiden, wo sie notieren wird.

Im Falle einer einer Einigung auf die USA läge man jedenfalls bei der Marktausrichtung im allgemeinen Trend. Angetrieben von der rasant wachsenden Nachfrage bauen einer Studie zufolge auch die deutschen Autobauer ihre Produktion in den USA kräftig aus. 2014 dürften rund 700.000 Autos deutscher Marken in den USA vom Band laufen - um 11,6 Prozent mehr als 2013, erklärte die Beratungsgesellschaft PricewaterhouseCoopers am Dienstag. Dies wäre im Vergleich der weltweiten Produktionsstandorte die höchste Wachstumsrate. 2015 dürften die Produktionszahlen sogar um weitere 30 Prozent zulegen.