Wien/Brüssel. "Der ukrainische Poker: Wie die USA und Europa versuchen, die Gaskarte zu spielen", titelte die russische Ausgabe des Wirtschaftsmagazin "Forbes" diese Woche online. Und macht damit klar, dass man sich auch in Russland mittlerweile darüber Gedanken macht, welche Karten die Europäische Union und die USA im Energiebereich gegen Russland ausspielen können. Vor allem Brüssel ist die Abhängigkeit von Moskau - gut ein Drittel des Erdgases in Europa wird aus Russland importiert - nicht zuletzt auch durch die Krim-Krise immer mehr ein Dorn im Auge.

Wie sehen die Alternativen zu russischem Gas aber wirklich aus? Immerhin wird bereits seit mehreren Jahren auf europäischer Ebene versucht, neue Lieferanten für Erdgas zu finden - soweit recht erfolglos. Im Vorjahr hat der russische Energieriese Gazprom nach Europa und in die Türkei seine Gasexporte um 16,3 Prozent gesteigert - auf ein neues Rekordhoch.

Starke europäische Energiekonzerne fehlen

"Es fehlen in Europa starke einheimische Konzerne, die groß genug sind, auch international schwierige Projekte voranzutreiben", sagt Jonas Grätz, von der ETH Zürich zur "Wiener Zeitung" über die Gründe. Als politische Organisation könne man nicht viel ausrichten, wenn man nicht über die kommerziellen Hebel verfüge, erklärt der Energieexperte. Dass starke Konzerne in Europa nicht existieren, daran sei die EU aber nicht ganz unschuldig: Durch die Politik der EU, die darauf gesetzt hat, den Wettbewerb zu fördern, kam auch die europäische Energieindustrie in den vergangenen Jahren unter die Räder. So etwa musste E.ON Ruhrgas sein Gasnetz verkaufen. "Das deutet nicht darauf hin, dass die europäische Industrie im globalen Wettbewerb mithalten kann", sagt Grätz. Auch das von der EU angetriebene und im Vorjahr eingestampfte Gaspipeline-Projekt "Nabucco" sei zum Scheitern verurteilt gewesen, da die Pläne von einem Sammelsurium verschiedener kleiner, europäischer Konzerne betrieben wurde, von denen keiner die Führung übernehmen konnte. Große europäische Energiekonzerne wie BP oder Total waren gar nicht daran beteiligt.

Nicht zuletzt, sagt Grätz, sei auch das Phänomen nicht zu unterschätzen, dass Russland gezielt vereinzelte europäische Energiekonzerne in den heimischen Öl- und Gasmarkt hineinlässt wie etwa die italienische Eni. Diese wären dann sehr vorsichtig, andere Projekte, die die Diversifikation vorantreiben könnten, zu unterstützen, da das von Russland nicht gerne gesehen wird. "Insgesamt hat Europa im Moment nicht sonderlich viele Hebel, um eine wirkliche Diversifikation zu betreiben", sagt Grätz.

Mehrere Alternativen, aber alle längerfristig

Anders sieht es freilich längerfristig aus. Gaslagerstätten, die entwickelt werden sollen, finden sich vor Zypern und generell im östlichen Mittelmeer. "Hier wäre es wichtig, dass europäische Konzerne versuchen, sich bei diesen Projekten zu beteiligen", sagt Grätz.

Gleichzeitig könne die EU die Annäherung mit dem Iran nutzen, um dort stärker aktiv zu werden. Das Land verfügt über große Erdgasreserven und hat auch den Vorteil, dass eine Pipeline in die Türkei bereits existiert. Experten gehen aber nicht davon aus, dass Lieferungen vor dem nächsten Jahrzehnt möglich sind, da die Lieferbeziehungen von null auf begonnen werden müssen.

Eine weitere längerfristige Perspektive ist der verstärkte Import von verflüssigtem Erdgas, LNG, das zumeist verschifft wird. Heute wird fast die gesamte Produktion an Flüssiggas von Asien, allen voran Japan und China, geschluckt. Ab 2015/16 wird weltweit mehr Flüssiggas vor allem aus Nordamerika auf dem Markt erwartet - nicht zuletzt, weil auch in den USA aufgrund der Krim-Krise nun diskutiert wird, ob vermehrt amerikanisches Erdgas nach Europa exportiert werden soll, um so die Abhängigkeit des strategischen Partners von Russland zu verringern. "Die Krise in der Ukraine könnte zu mehr Exportgenehmigungen führen", sagt der internationale Energieberater Wolfgang Schollnberger zur "Wiener Zeitung". Eine sofortige Antwort für Europa sei dies aber nicht, für den massenhaften Transport nach Europa fehlen Infrastruktur und behördliche Genehmigungen. "Sie könnten in vier bis fünf Jahren möglicherweise eine Zugabe zu anderen Alternativen sein", sagt Schollnberger.

Die EU verfügt bereits über LNG-Importterminals, die momentan aber nur zur Hälfte ausgelastet sind. Denn: Einerseits sind die meisten europäischen Importterminals in Spanien und es fehlen - noch - die Verbindungspipelines in die anderen Staaten Europas. Zudem ist LNG momentan teurer als Pipelinegas. "Längerfristig könnte sich der Preis aber wieder verringern und durchaus mit Pipelinegas in Europa kompetitiv sein", meint Grätz.

Auch Algerien wird von europäischen Politikern immer wieder ins Spiel gebracht. Das Land ist allerdings bereits zweitgrößter Lieferant für Italien, die Reserven sind gut erforscht. "Große Importsteigerungen sehe ich hier nicht, auch wegen des wachsenden Eigenverbrauchs", sagt der Energieexperte Grätz. Grundsätzlich sei auch der Irak eine gute Option für Europa - die Sicherheitsprobleme und Autonomiebestrebungen der Kurden im Nordirak jedoch würden die Exportmöglichkeiten auf unabsehbare Zeit beeinträchtigen.

Eigenes Schiefergas könnte in Zukunft eine gewisse Rolle in Europa spielen, sagt Grätz. "Insgesamt wird es aber wohl nur die rückgängige Eigenproduktion etwas abfedern können". Laut BP Statistical Review hat die EU 2012 ein Drittel ihres Erdgasverbrauchs selbst gefördert.