Brüssel/Wien. (vee/da/pech) Ob in den Haushalten beim Kochen und Heizen oder in der Zement- und Stahlindustrie: Erdgas ist in Österreich von großer Bedeutung und macht knapp 22 Prozent des Bruttoinlandsverbrauchs aller Energieträger aus. Während in der EU rund ein Drittel des importierten Erdgases aus Russland kommt, sind es in Österreich sogar 60 Prozent. Die Ukraine-Krise, die bei manchen Beobachtern Befürchtungen nährt, es könne zu Lieferunterbrechungen kommen ähnlich wie in den Gaskrisen 2006 oder 2009, wirft erneut ein Schlaglicht auf diese hohe Abhängigkeit. So wurde das Thema Importdiversifizierung im Energiebereich kurzfristig auf die Agenda des EU-Gipfels nächste Woche gehievt.

In Österreich sieht man die Lage offenbar entspannter. "Kurzfristig besteht kein unmittelbarer Handlungsbedarf", heißt es aus dem Wirtschaftsministerium auf Anfrage der "Wiener Zeitung", ob es momentan konkrete Überlegungen gebe, die Lieferanten stärker zu diversifizieren. Österreich hätte das sogenannte "Reverse-Flow-System" bereits erfolgreich umgesetzt - das heißt über Deutschland (Überackern und Oberkappel) respektive über Italien (Arnoldstein) könne Österreich das Gassystem in beide Richtungen betreiben - und somit auch über diese Länder Gas beziehen.

Beobachtern zufolge soll nächste Woche in Brüssel auch darüber beraten werden, wie man generell Gas durch andere Energieträger ersetzen könnte. Mit dem knappen Viertel des Erdgasanteils am Energieverbrauch liegt Österreich leicht unter dem Schnitt der EU-28. Aus dem Wirtschaftsministerium heißt es, dass die Energiepolitik Österreichs prioritär auf Maßnahmen zum Ausbau der erneuerbaren Energiequellen und zur Steigerung der Energieeffizienz setzt. Dennoch werde Erdgas auch in den nächsten Dekaden als effizienter Brücken-Energieträger gebraucht.

Gaspipeline South Stream weiter interessant

"Erdgas ist von großer Bedeutung für Österreich", sagt auch Martin Graf, Vorstand der Regulierungsbehörde E-Control. Ein Fünftel des Stroms in Österreich würde durch Gaseinsatz erzeugt, fast 1,5 Millionen heimische Haushalte würden mit Gas heizen oder kochen. Und vor allem in der Industrie sei Erdgas sehr schwer ersetzbar, da es für die Produktion unterschiedlichster Güter von wesentlicher Bedeutung sei.

Wohl auch deswegen ist man in Österreich - entgegen der EU-Kommissionslinie, die die Errichtung der Pipeline "South Stream" von Südrussland über das Schwarze Meer nach Europa eher bremst statt fördert - weiterhin an dieser Transportroute für russisches Gas nach Österreich interessiert. "Eine Verlängerung von South Stream nach Baumgarten wäre energiepolitisch interessant, damit würde eine weitere Diversifizierung der Transportrouten von Gas erfolgen und durch mehr Gasangebot der Wettbewerb steigen, die Gasdrehscheibe Österreichs würde weiter aufgewertet", heißt es dazu aus dem Wirtschaftsministerium.

Vorstoß aus Vorarlberg bei Schiefergas

Unterdessen hat das EU-Parlament am Mittwoch eine umfassende Revision der Richtlinie der Umweltverträglichkeitsprüfungen (UVP) bei bestimmten öffentlichen und privaten Projekten beschlossen. Fracking wurde in diese nicht einbezogen. Demnach ist für das Fracking, die umstrittene Methode zur Schiefergas- und Schieferölgewinnung, in den EU-Mitgliedstaaten keine Umweltverträglichkeitsprüfung notwendig. Allerdings können Regionen davon divergierende Regelungen ausverhandeln - ähnlich wie bei der Zulassung von Gen-Mais. In Niederösterreich gilt, dass selbst für Probebohrungen bei Schiefergas eine UVP vorzunehmen ist.

In Vorarlberg will man sich nun gegen Fracking in der Nähe des Bodensees absichern und ein Fracking-Verbot in der Landesverfassung festschreiben. Ein entsprechender Antrag der SPÖ, die sich dafür bereits die Zustimmung der Grünen und der zunächst noch zögernden FPÖ sicherte, war von der ÖVP bisher abgelehnt worden. Die Volkspartei erklärte am Mittwoch noch ihr Ja zu einem Verbot auf Landesverfassungsebene. An einer Formulierung wird nun gearbeitet.

Hintergrund der Besorgnis im Ländle: Im benachbarten deutschen Baden-Württemberg gibt es unweit des Trinkwasserspeichers Bodensee Konzessionsfelder zur Suche nach Schiefergas, die Sucherlaubnis wurde unlängst verlängert. In der Schweiz verlor eine Gesellschaft ihre Suchkonzession Ende 2013.