Peking. Shimon Peres, das älteste Staatsoberhaupt der Welt, ging mit der Zeit. Der 91-jährige Präsident Israels unterhielt sich bei seinem China-Besuch Anfang April nicht nur mit Spitzenpolitikern, sondern auch mit seinen Followern auf Sina Weibo. Er nutzte die chinesische Version des Kurznachrichtendienstes Twitter, um fleißig Bilder und Kurznachrichten zu posten, und versprach auf seinem Blog, sich für eine vereinfachte Visumsbeantragung einzusetzen. Der britische Premierminister David Cameron richtete den Chinesen über den Sina-Mikroblog aus, dass er auf die Produktion der populären Fernsehserie "Sherlock" leider keinen Einfluss habe. Und als die populäre chinesische Sängerin Faye Wong im letzten Herbst ihre Scheidung mit einem Posting auf Weibo bekanntgab, wurde dieses innerhalb der ersten Stunde über 100.000 Mal weitergeleitet.

Der Zensor schlägt zurück

Gewiss, in Zahlen wirkt Chinas soziales Netzwerk nach wie vor beindruckend. 2009 wurde es von der Sina Corporation gegründet, als Reaktion auf die Unruhen in der Provinz Xinjiang, woraufhin ausländische Dienste wie Twitter oder Facebook endgültig gesperrt wurden. Seitdem ist die Plattform - auch mangels Konkurrenz - stark gewachsen, im März meldete das Unternehmen 129 Millionen aktive User. Das wären alleine in China mehr als halb so viele Nutzer, wie Twitter weltweit hat. Doch das reichte offensichtlich nicht, um die Anleger an der Technologiebörse Nasdaq nachhaltig zu beeindrucken: Beim Börsegang am Donnerstag wurde der Marktwert in New York mit 3,46 Milliarden Dollar geringer eingestuft als erhofft. Insgesamt verkaufte das Unternehmen 16,8 Millionen Aktien zum Preis von je 17 Dollar; erwartet worden waren 20 Millionen Papiere für bis zu 19 Dollar. Offiziell hat das Unternehmen mit Firmensitz in Peking noch nicht auf die Ergebnisse reagiert, doch eines scheint klar: Der kalkulierte Triumph ist ausgeblieben.

Kenner der Materie dürften sich die Frage stellen, ob er sich überhaupt noch einstellen wird. Denn Weibos Börsengang fällt nicht nur in eine Zeit, in der die Aktienmärkte für IT-Unternehmen insgesamt straucheln - was im Übrigen auch für Twitter gilt, dessen Aktie seit Anfang März 18 Prozent an Wert eingebüßt hat. Chinas bisheriges Social-Media-Flaggschiff hat tiefergehende Probleme. Im vergangenen Jahr gab es einen Verlust von 38,1 Millionen Dollar bei 188,3 Millionen Dollar Umsatz. Doch der Mutterkonzern Sina verliert mit Weibo nicht nur Geld, sondern mittlerweile auch Nutzer. Nach einem Report des China Internet Information Center waren es alleine im letzten Jahr 28 Millionen, die für einen Traffic-Rückgang von 9 Prozent sorgten. Noch schlimmer: Nach einer Studie der Universität Hongkong sollen nur 10 Millionen Accounts für 94 Prozent aller Postings im gesamten Netzwerk verantwortlich sein.