Wien. Über viele Jahre galten vor allem die osteuropäischen Länder als hoffnungsvolle Boomstaaten für Investoren. Die Finanzkrise hat bei vielen Staaten Dellen in der Wachstumskurve hinterlassen. Und auch die ausländischen Direktinvestitionen (FDI) in Mittel-, Ost- und Südosteuropa sind im Jahr 2013 stark eingebrochen, wie aus einem Bericht des Wiener Instituts für internationale Wirtschaftsvergleiche (WIIW) hervorgeht. Im letzten Quartal des Jahres hat das Wirtschaftswachstum in den meisten EU-Ländern zwar wieder eingesetzt, insgesamt stiegen ihre Investitionsströme um sechs Prozent. Doch einige Hauptinvestoren, darunter Deutschland und Österreich, zogen sich aus der Region zurück. "Der Wachstumsmotor hat schon 2012 gestottert", sagt Gábor Hunya vom WIIW. Diese Entwicklung habe sich 2013 fortgesetzt.

Das größte Minus verzeichnen die elf neuen EU-Mitgliedsstaaten (NMS). Hier fielen die FDI-Zuflüsse um 65 Prozent. Deutlich mehr ging hingegen an die fünf wichtigsten GUS-Länder: In Belarus, Kasachstan, Moldau, Russland und der Ukraine wurde ein Viertel mehr investiert als 2012. Südosteuropa verbuchte ein knappes Plus von 2 Prozent. An Zuflüssen gewonnen haben auch Rumänien und Bulgarien. "Sie wurden in die Industrie der EU-Staaten integriert", erklärt Hunya. Tschechien und Ungarn fielen nach sehr hohen Werten in den Vorjahren auf Durchschnittsniveau.

Alarmierend ist der Rückgang in der Slowakei und in Polen. Als Grund dafür nennt Hunya Kreditabflüsse und die Umstrukturierung von Vermögenswerten: Firmenkredite seien zurückgezahlt und ein Großteil der Gewinne in die Herkunftsländer zurückgeführt worden.

Ein Spezialfall ist Russland, das sich durch sogenanntes "round-tripping" Kapital auszeichnet: Es erhielt 2013 zwar mehr Zufluss als 2012, aber die Abflüsse stiegen noch stärker an. Das Ergebnis: ein negatives Netto-FDI von minus 11,7 Milliarden Euro. "Bei den hohen Zuflüssen nach Russland handelt es sich vor allem um russische Firmen, die Kapital von ihren Tochterfirmen im Ausland übertragen. Der Kapitalfluss hat also nicht viel mit Investitionen in die Produktion zu tun", erklärt Hunya. Auch die Greenfield-Aktivitäten (Neugründungen von Unternehmen) sanken - allerdings begann dieser Trend bereits vor dem Konflikt mit der Ukraine. "Krieg ist natürlich immer schlecht, aber die Wirtschaft hat in der Ukraine und in Russland schon vor dem Konflikt gelitten", sagt Hunya. Das liege an der mangelnden internationalen Wettbewerbsfähigkeit dieser Staaten. Die Situation werde sich nicht maßgeblich verändern - vorausgesetzt, der Konflikt dehne sich nicht aus.

Verlagerung nach Asien, USA


Mit der Ausnahme von Rumänien und Kroatien hat Österreich seine Investments in den neuen Mitgliedsstaaten zurückgeschraubt und diese in die dynamischeren Märkte Asiens und Amerikas verlagert. "Österreichische Firmen konzentrieren sich auf den Einzelhandel und die Bauwirtschaft", sagt Hunya. "Wenn es da nicht läuft, investiert man weniger."

Österreich bleibt aber, hinter den Niederlanden und Deutschland, unter den Top drei der ausländischen Investoren. Bei diesen handelt es sich hauptsächlich um Unternehmen aus dem Finanzwesen, der Industriesektor folgt an zweiter Stelle.

Seine führende Position beibehalten hat Österreich bei Investments in Slowenien, Kroatien, Bosnien und Herzegowina sowie in Serbien. In Bulgarien und in der Slowakei belegt Österreich den zweiten, in Tschechien den dritten und in Ungarn den vierten Platz. Und in Albanien und Mazedonien investieren nur Griechenland respektive die Niederlande mehr.

Für das laufende Jahr prognostiziert das WIIW ein Wirtschaftswachstum in den NMS und damit auch einen Aufschwung der FDI - mit Ausnahme der baltischen Staaten und Bulgarien.

Positiv wirke die Einführung des Euro 2014 in Lettland und eine mögliche Integration Litauens in die Euro-Zone 2015 aus: "Kein Wechselkursrisiko bedeutet natürlich auch ein kleineres Risiko für Unternehmen." Für Südosteuropa werden keine wesentlichen Veränderungen erwartet, Russland wird auf das Niveau von 2010 zurückfallen.

Günstig für die FDI ist auch das Wirtschaftswachstum in der EU. Für 2014 erwartet Hunya einen Anstieg in der Region: "Es ist daher mäßiger Optimismus angebracht." Insgesamt werde der FDI-Zufluss aber weit hinter jenem vor der Krise bleiben.