Tokio. Auf den hohen Sprung folgte in Japan die harte Landung: War das Bruttoinlandsprodukt im ersten Quartal dieses Jahres noch um 6,1 Prozent gewachsen, so ist es im zweiten Quartal auf das Jahr hochgerechnet um 6,8 Prozent gesunken. Seit der Tsunami-Katastrophe 2011 ist die japanische Wirtschaft nicht mehr so stark geschrumpft.

Der Grund für den Einbruch im Frühlings-Quartal war schnell gefunden: Die japanische Regierung hatte am 1. April die Mehrwertsteuer von fünf auf acht Prozent angehoben. Deshalb haben die Konsumenten viele Anschaffungen vorgezogen, um den steigenden Preisen aus dem Weg zu gehen. In Summe gaben die privaten Verbraucher um fünf Prozent weniger aus. Der Konsum macht etwa 60 Prozent der Wirtschaftsleistung aus. Und auch die Unternehmen fuhren in der nach den USA und China drittgrößten Volkswirtschaft der Welt ihre Ausgaben zurück: Sie investierten um 2,5 Prozent weniger. Die Exporte und die Importe gingen ebenfalls zurück.

Die jüngsten Daten könnten den Druck auf die Regierung von Premier Shinzo Abe und die Notenbank erhöhen, die Konjunktur mit weiteren Hilfen zu stimulieren. Allerdings: Abe hat im Zuge seiner Wirtschaftsreformen - Stichwort "Abenomics" - ohnehin schon milliardenschwere Konjunkturprogramme aufgelegt. Wirtschaftsminister Akira Amari betonte bereits, dass er keinen Anlass für zusätzliche Hilfen sehe. Auch Börsianer blieben ruhig: Der Nikkei-Index ging am Mittwoch mit einem leichten Plus von 0,35 Prozent aus dem Handel.

Denn Analysten rechnen damit, dass es im nächsten Quartal schon wieder eine Trendwende geben wird und sagen ein Wachstum von drei bis fünf Prozent voraus. Dann zahlen die großen Unternehmen Boni an ihre Mitarbeiter aus, was den Konsum wieder ankurbeln dürfte. Sollte sich die Wirtschaft rasch wieder erholen, dürfte die Regierung die Mehrwertsteuer im Oktober 2015 wie geplant von acht auf zehn Prozent anheben, sagte der Japan-Chefvolkswirt der Bank of America Merrill Lynch, Masayuki Kichikawa.

Abe verfolgt das Ziel, die Inflationsrate an die Marke von zwei Prozent heranzubringen. Japan steckte rund 15 Jahre lang in einer Deflation, also einer Spirale aus fallenden Preisen. Dies lähmt die Wirtschaft, weil die Verbraucher in Erwartung weiter sinkender Preise weniger konsumieren und die Unternehmen Investitionen aufschieben.

Im Ausland wird die Wirtschaftspolitik des Premiers aber zusehends kritisch verfolgt. So fordert etwa der IWF (Internationale Währungsfonds) aufgrund der extrem hohen Staatsverschuldung Japans, die 2013 mehr als 220 Prozent des BIP betrug, eine Konsolidierung. Steuererhöhungen seien entscheidend, um mehr Disziplin walten zu lassen, betonen die IWF-Ökonomen in ihrem Länderbericht. Der IWF traut Japan dieses Jahr ein Wachstum von 1,6 Prozent zu, das 2015 auf 1,1 Prozent nachlassen dürfte.