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"Wiener Zeitung": (jum) Welches Potenzial hat Crowdworking in Schwellenländern wie Indien?

Jan Marco Leimeister: Die Crowdsourcing-Anbieter, mit denen ich mich befasse, rekrutieren zu weit über 70 Prozent in ihren Heimatmärkten. Aktuell sind billige Softwaretester aus Indien nicht einmal für amerikanische Anbieter interessant: Laut Studien sind 70 Prozent aus Amerika. Es ist denkbar, dass sich Crowdworking einmal in die Schwellenländer verlagern wird, aber es ist heute nicht die Realität. Generell liegt das Potenzial des Crowdworkings aber nicht im Ausnutzen von Lohnunterschieden, sondern in der effektiveren Zusammenarbeit.

Wo sehen Sie Verbesserungsmöglichkeiten?

Ein abstrakter Vergleich: Crowdworking ist strukturell wie der Übergang von der Manufaktur zur Fließbandarbeit. Die Organisation der Gesamtarbeit verändert sich, es hat sich aber noch nicht herausgebildet, was konkret am effizientesten ist. Die Unterschiede zwischen den einzelnen Crowdwork-Anbietern sind bei Arbeitsprozessen sehr groß. Man kann also nicht sagen, dass das einer Monotonisierung wie am Fließband entspricht. Die Anbieter probieren gerade unterschiedliche Konzepte aus und können noch gar nicht absehen, welche Form von Arbeitsorganisation im Detail am erfolgreichsten sein wird.

Wie beurteilen Sie die arbeitsrechtliche Situation?

In Deutschland hat bisher noch niemand gerichtlich ausgefochten, ob die allgemeinen Geschäftsbedingungen eines Anbieters rechtlich zulässig sind. Über diese sichern sich die meisten Anbieter im deutschsprachigen Raum ab: Sie verlangen, dass sich jeder ihrer Crowdworker als Freiberufler deklariert. Er ist selbst dafür verantwortlich, dass das auch stimmt. Das wird wohl nicht mehr funktionieren, sobald es erste gerichtliche Klärungen gibt - und das ist nur eine Frage der Zeit. Wenn ein Plattformanbieter sieht, dass jemand pro Woche 60 Stunden bei ihm arbeitet, dann kann er nicht gutgläubig sagen: "Der hat bestimmt noch 15 andere Kunden." Dann kann er sich nicht mit seinen allgemeinen Geschäftsbedingungen aus der Affaire ziehen. Trotzdem würde ich diesen Plattformanbietern keine Ausbeutermentalität unterstellen. Sie gestalten es für sich eben so einfach wie möglich. Aber die Rahmenbedingungen werden sich höchstwahrscheinlich ändern.

Wie lange wird das noch dauern?

Wenn der Reifeprozess weiter fortgeschritten ist - wann, kann man nicht sagen. Der Markt wächst ja nach wie vor, aber alles, was bisher gemacht wurde, existiert weiter. Crowdworking ist einfach eine zusätzliche Spielart der Arbeitsorganisation, wie ein neues Werkzeug in der Probephase.

Das heißt, es gehen dadurch keine Arbeitsplätze verloren?

Nicht auf Sicht der nächsten zwei, drei Jahre. Alles darüber hinaus hängt von der weiteren Entwicklung ab. Momentan wird durch Crowdworking vieles verwirklicht, was vorher niemand gemacht hat. Viele Geschäftsideen konnten nicht umgesetzt werden, weil man keine Entwickler fand. Aus diesem Bedarf heraus sind die Crowdworkanbieter für Softwareentwicklung entstanden. Das Segment wächst noch, deswegen verdrängt es auch nichts. Was passieren wird, wenn der Gesamtmarkt nicht mehr wächst, darüber kann man diskutieren.