London. (vee) Noch in der ersten Jahreshälfte sah es danach aus, dass Rohstoffe vor einer nachhaltigen Renaissance stehen. So hoffte man das Vorjahr abhaken zu können, in dem Investoren Rekordsummen aus der Sparte abgezogen hatten. Von einer Erholung kann aktuell aber keine Rede sein: Der Bloomberg-Rohstoff-Index, der 24 Rohstoffe wie Rohöl, Sojabohnen, Nickel oder Gold abbildet, fiel diese Woche auf ein 5-Jahres-Tief. Allein seit Ende Juni hat der Index um satte 12 Prozent nachgegeben.

Die Gründe für diese Entwicklung sind zahlreich. Einerseits spiegelt die Entwicklung die Bedenken aufgrund der schwächelnden Konjunktur in China - der zweitgrößten Volkswirtschaft und weltweit größtem Rohstoffkonsumenten - wider. Die Führung in Peking hatte erst am Wochenende kostspielige neue Konjunkturprogramme auch bei eingetrübten Wirtschaftsaussichten abgelehnt.

Aber nicht nur das Reich der Mitte fragt weniger Rohstoffe nach. Konjunkturell bedingt - erst gestern senkte die Welthandelsorganisation ihre Wachstumsprognose für die Weltwirtschaft für 2014 von 4,6 auf 3,1 Prozent - ebbte auch der Bedarf in asiatischen Boom-Staaten wie europäischen Ländern ab. Zudem stieg das Angebot an Schlüssel-Rohstoffen wie Getreide, Edelmetallen, Kupfer oder Rohöl signifikant an.

Andererseits setzt der starke US-Dollar, der jüngst signifikant gegenüber anderen Währungen zugelegt hat, der Nachfrage zu. Da Rohstoffe in Dollar gehandelt werden, wirkt sich ein starker Dollar tendenziell negativ auf ihre Preise aus. Dieser hat etwa den Preisen für Gold und Silber zugesetzt, die im dritten Quartal um 8,5 respektive 15,7 Prozent nachgaben.

Eine Hauptlast des Preisverfalls haben Agrar-Rohstoffe zu tragen. Hier spielt auch die in den USA, dem weltgrößten Getreideexporteur, erwartete heurige Rekordente mit. Laut "Financial Times" ist der Preis etwa für Sojabohnen seit Ende Juni um fast ein Drittel gefallen, der für Mais um 22 Prozent und für Weizen um 16 Prozent. Einzig bei Kaffee hat eine lange Dürrephase im wichtigen Anbauland Brasilien die Preise in die Höhe getrieben.

Die Negativ-Tendenz setzt sich aber im Energiesektor fort. Ein Barrel Rohöl Brent kostet derzeit rund 97 Dollar - so wenig musste zuletzt Mitte 2012 bezahlt werden. Seit Jahresanfang gab der Preis um 12 Prozent nach. Dies liegt an der ausgebauten Erdölförderung in den USA, aber auch an - ungeachteter geopolitischer Krisen - anhaltender Förderung in Russland, dem Irak oder Libyen.

Industriemetalle gehören über das Jahr betrachtet zu den Gewinnern unter den Rohstoffen. Aber auch sie geraten unter Druck. So hat sich etwa Nickel seit Jahresbeginn um mehr als ein Drittel verteuert, seit Ende Juni jedoch um zehn Prozent verloren. Der Kupferpreis sank um vier Prozent.

Investoren "vergessen" Rohstoffe


Darüber hinaus haben Investments in Rohstoffe in den vergangenen Jahren im Vergleich mit anderen Anlageklassen wie Aktien oder Immobilien eine schlechtere Performance abgeliefert "Viele Investoren haben Rohstoffe gewissermaßen vergessen", sagt Christoph Eibl vom Vermögensverwalter Tiberius zum Wirtschaftsmagazin "Cash". Das mangelnde Interesse biete aber den Vorteil, dass der Markt nun bereinigt sei und Einstiegschancen biete.

Angesichts sinkender Rohstoffpreise läuft in der gesamten Branche ein Umbauprozess. Nach Jahren des Wachstums mit dem Zukauf und der Erschließung immer neuer Förderprojekte konzentrieren sich viele Unternehmen nun auf ihre besonders aussichtsreichen Bereiche. Das weltgrößte Bergbauunternehmen BHP Billiton etwa hat Geschäfte im Wert von geschätzten 14 Milliarden US-Dollar abgespalten. Die Sparten für das Aluminium-, Mangan- und Nickel-Geschäft wurden ausgegliedert. Der Fokus soll künftig auf Eisenerz, Kupfer, Kohle Erdöl und Kali liegen.

Der größte Stahlhersteller der Welt, ArcelorMittal, kämpft mit ähnlichen Problemen. Der Konzern hatte anders als die deutschen Konkurrenten ThyssenKrupp und Salzgitter angesichts lange steigender Erzpreise kräftig in den Aufbau einer eigenen Eisenerz-Förderung investiert. Kürzlich musste die Prognose für das heurige Jahr korrigiert werden, da der alten Berechnung mit einem Erzpreis von 120 Dollar pro Tonne ein aktueller Preis von 90 Dollar gegenübersteht.