Washington. (wak) Die Welt sieht sich mit einem neuen Ungleichgewicht konfrontiert. "Auf der einen Seite (in der Realwirtschaft, Anm.) werden nicht genug Risiken unternommen, Investitionen, Konsum, Kreditvergabe bleiben niedrig. Auf der anderen Seite kommt es zu Exzessen bei riskanten Finanzgeschäften", urteilt José Viñals, Leiter der Finanzmarktabteilung des Internationalen Währungsfonds (IWF) bei der Vorstellung des diesjährigen "Global Financial Stability Report".

Dieses Ungleichgewicht sei ein Produkt der Wirtschaftskrise, die die Welt schon mehr als sechs Jahre lang begleitet. Um die Effekte der Krise abzumildern, verließ sich die Politik nach Meinung des IWF auf die Vermehrung des Geldes. Die US-Notenbank Fed warf die Gelddruck-Maschine an, die Europäische Zentralbank lockte mit Niedrigzinsen, mit dem Ergebnis, dass die Welt mit Geld überschwemmt wurde.

Damit wurde zwar die eine oder andere Situation entspannt, trotzdem floss das Geld nicht nur seinen erwünschten Zwecken zu.

Anstatt die Kreditvergabe an kleine und mittlere Unternehmen auszudehnen, die damit in die Realwirtschaft investieren und den Konsum ankurbeln, wurde das Geld zu Spekulationszwecken auf dem Finanzmarkt verwendet. Anleihen, Bonds, Derivative, Immobilien et cetera erfreuten sich reger Nachfrage und verteuerten sich so sehr, dass manche schon von einer Blase sprechen.

Nicht auf Geld allein verlassen

Die Ausweitung der Geldmenge wäre zwar richtig und wichtig gewesen, aber die Geldpolitik "kann nicht die einzige Säule bleiben", meint Viñals. Es bräuchte etwa auch strukturelle und finanzpolitische Änderungen. Man müsse etwa die Exzesse auf den Finanzmärkten in den Griff bekommen.

Es gäbe aber auch gute Nachrichten im diesjährigen Report: "Die Banken sind stärker geworden. Die schlechten Nachrichten sind: Viele Banken haben nicht genug Muskelmasse, um das Wirtschaftswachstum anzukurbeln", erklärt Viñals. "Weltweit sind - gemessen an ihrer Bilanz - 40 Prozent der Banken nicht stark genug, um adäquate Kredite zu vergeben. In der Eurozone sind es sogar 70 Prozent aller Banken", meint der IWF-Ökonom.

Der IWF untersuchte nach eigenen Angaben 300 große Banken in den Industrieländern. Die Institute müssten zum Teil über Fusionierungen nachdenken. Die neuen, strengeren Regulierungen hätten die Banken zwar gesunden lassen, doch Athleten seien sie noch nicht.

Kreditvergabe im Hinterhof

Diese Kraftlosigkeit des Bankwesens gefährde weltweit die Finanzstabilität, so der IWF mit Sitz in Washington. Denn diese Schwäche führt unter anderem auch dazu, dass sich Unternehmen benötigtes Geld auf andere Weise besorgen, etwa durch die Ausgabe von Anleihen an Investmentfonds. Die in deren Portfolios gehaltenen Kreditinstrumente hätten sich seit 2007 verdoppelt. "Die Risiken verlagern sich in das System der Schattenbanken", warnte Vinals. "Wenn darauf nicht eingegangen wird, könnten diese Risiken die globale Finanzstabilität gefährden." Denn bei Turbulenzen an den Finanzmärkten könnte es sehr schnell zu Liquiditätsengpässen kommen.

Hintergrund der Warnung ist, dass viele Banken heute aus IWF-Sicht mit der Vergabe von Krediten nicht genügend Gewinn erwirtschaften können, um ihre Kapitalbasis zu stärken. "Diese Banken müssen ihr Geschäftsmodell noch fundamentaler überholen", meinte Vinals. Dafür müssten etwa Leistungsangebote teurer gemacht, verändert oder gestrichen werden. Quersubventionierungen von Geschäftsbereichen seien zu überdenken. Und wenn eine Bank die notwendige Profitabilität dennoch nicht erreichen kann, sollte sie nach IWF-Ansicht den Markt schnell ganz verlassen. "Vor der Krise haben Banken viele Dinge gemacht, von denen sie besser die Finger gelassen hätten. Jetzt sieht es so aus, als hätten sie vergessen, wie man Unternehmen finanziert." Dabei sei die Kreditvergabe an die Realwirtschaft und damit die Ankurbelung der Wirtschaft die Hauptaufgabe von Banken.