New York. (dpa) Die Preise für Rohöl fallen und fallen: Die US-Sorte WTI war zu Wochenbeginn so billig wie seit zwei Jahren nicht mehr, und die Nordseesorte Brent bewegte sich auf dem Preisniveau von 2010. Der Preis für ein Barrel Brentverlor seit Juni mehr als 30 Dollar. Die Sorte WTI hat alle Mühe, die 80 Dollar zu halten. Das billige Öl hat zwar durchaus dazu beigetragen, dass das globale Wachstum nicht noch weiter ins Stocken geriet, es hat aber auch seine Tücken - vor allem dann, wenn die Ölpreise dauerhaft unter Druck bleiben.

Davon geht unter anderen die US-Investmentbank Goldman Sachs aus. Kernaussage der jüngst veröffentlichten 21-seitigen Analyse "The New Oil Order": Die Preise werden weiter fallen, WTI im nächsten Jahr bis unter 75 Dollar. Der Grund: Die Weltwirtschaft ertrinkt im Öl - die Nachfrage ist wegen der schwachen Konjunktur zu gering und das Angebot zu hoch.

Die USA haben ihre Produktion in den letzten Jahren dank des Fracking-Booms kräftig ausgeweitet und fördern mittlerweile so viel Öl wie seit mehr als 30 Jahren nicht mehr. Andere Ölnationen, wie die Länder des Opec-Kartells, verlieren zunehmend an Marktmacht.

Goldmans Rohstoffexperten stehen mit ihrem Ausblick nicht alleine da. "Insgesamt sind die Preise noch nicht tief genug gefallen", sagt etwa Expertin Amrita Sen vom Analystenhaus Energy Aspects. "Die allgemeine Stimmung am Ölmarkt bleibt negativ", pflichtet Eugen Weinberg von der deutschen Commerzbank bei.

Was für Spekulanten an den Finanzmärkten negativ ist, muss für die Wirtschaft aber nicht schlecht sein - im Gegenteil. Billiges Öl kommt den meisten Ländern zugute: Einem Modell der Ökonomen des Internationalen Währungsfonds (IWF) zufolge lässt ein zehnprozentiger Preisrückgang die weltweite Wirtschaftsleistung um 0,2 Prozent steigen. Je günstiger das Rohöl, desto weiter sinken die Produktionskosten vieler Industrieunternehmen. Und Konsumenten haben mehr Geld zum Ausgeben übrig, weil sie Benzin- und Heizölkosten sparen.

In den letzten vier Monaten hat sich Öl um etwa ein Viertel verbilligt. Das ist ein massiver Konjunkturanschub, den sich die meisten Regierungen und Notenbanken derzeit kaum leisten könnten.

Natürlich gibt es auch Verlierer. Dauerhaft niedrige Ölpreise belasten Volkswirtschaften, die abhängig von der Ölproduktion sind - zum Beispiel Russland, Venezuela, Saudi-Arabien oder Iran.

Auch für andere Wirtschaftsräume könnte ein weiterer Preisverfall unangenehme Begleiterscheinungen haben. In der Eurozone, die stark auf Energieeinfuhren angewiesen ist, lassen günstigere Ölimporte die ohnehin schon niedrige Teuerung weiter sinken und verstärken so die Angst vor einer Deflation - einem Teufelskreis aus fallenden Preisen und schwacher Konjunktur.

Auch in Amerika gibt es nicht nur Gewinner. Denn die Schieferöl-Revolution, die den Preisrutsch erst ermöglicht hat, könnte in den USA bald unrentabel werden. Das Fracking, bei dem tiefliegende Gesteinsschichten angebohrt und das dort lagernde Schiefergas und -öl mit Hilfe von Chemikalien gelöst wird, ist relativ teuer.

Bei Ölpreisen von deutlich unter 80 Dollar rechnet sich ein wesentlicher Teil der Produktion nicht mehr. Dann würde der Schieferöl-Boom und damit wohl auch der Absturz der Rohölpreise insgesamt gebremst.