Moskau/Wien. (wak) Die russische Wirtschaft hatte schon lange ein Problem: Sie war zu sehr auf den Export von Energieträgern ausgerichtet. Die Entwicklung des Bruttoinlandsproduktes korrelierte praktisch mit jener des Ölpreises. Die restliche Wirtschaft war und ist großteils von Warenimporten und Auslandsinvestitionen abhängig. Aufgrund der Ukraine-Krise verdüsterten sich die Auslandsbeziehungen und das bekommt die russische Wirtschaft immer mehr zu spüren.

Ölpreis unter 80 Dollar -
auf Vier-Jahres-Tief


2014 wertete die russische Währung Rubel um fast 40 Prozent gegenüber dem Dollar ab - im Oktober kam es zu einer gezielten Abwertung durch die russische Zentralbank, um den sinkenden Ölpreis einigermaßen abzufangen. Notierte Erdöl der Sorte Brent noch bei 106 Dollar pro Fass zu Jahresanfang, kam es ab den Sommermonaten zu einem sagenhaften Preisverfall. Derzeit bewegt sich der Ölpreis auf einem Vier-Jahrestief: Gestern, Donnerstag fiel der Preis für ein Fass erstmals unter die Marke von 80 Dollar. Im russischen Staatsbudget wird der Wert eines Fasses dagegen mit 100 Dollar veranschlagt.

Die Abwertung des Rubels führt wiederum zu einer Inflationsbeschleunigung innerhalb des Landes. Nachdem ein Großteil der Güter importiert wird, verteuert sich der normale Einkaufskorb. "Damit nimmt die Kaufkraft ab, der Privatkonsum kommt zum Erliegen", erläutert der Ökonom Vasily Astrov vom Wiener Institut für Internationale Wirtschaftsvergleiche (WIIW). Aufgrund des starken Preisauftriebs erhöhte die Notenbank in diesem Jahr mehrmals den Leitzins, zuletzt auf 9,5 Prozent (zum Vergleich: Der Zinssatz im Euroraum beträgt 0,05 Prozent). Die Kehrseite der Zinsanhebungen sei, dass sich Firmenkredite verteuern und Investitionen erschwert haben.

Verbot der Kreditvergabe an führende Unternehmen


Hier spielen noch zusätzlich die von der EU und den USA verhängten Sanktionen eine Rolle. Von den drei Sanktionstypen des Westens gegenüber Russland - Handelsbeschränkungen hinsichtlich Exporten von Rüstungsgütern und von Technologien zur Erdölförderung sowie Finanzsanktionen - wiegen Letztere kurzfristig am schwersten. Denn die Finanzsanktionen, die erst seit September in Kraft sind, bewirken ein Verbot der Kreditvergabe (von länger als 30 Tagen laufenden Krediten) seitens westlicher Banken an führende staatliche Banken und Energieunternehmen. Dadurch werden Investitionen noch unattraktiver, die Refinanzierungen alter, bereits bestehender Auslandschulden schwieriger und bringen den Rubel einmal mehr unter Druck. Positiv ist, dass die Auslandsverschuldung mit 30 Prozent relativ gering ist.

Vorerst seien die Bruttoinvestitionen zwar noch kaum gesunken. Doch die Sanktionen werden hier noch durchschlagen, vermutet Astrov: "Die Effekte der heuer im August und September verhängten Sanktionen werden erst 2015 voll zum Tragen kommen."

Die wegen der Ukraine-Krise vom Westen gegen Moskau verhängten Sanktionen im Finanzbereich treffen nicht nur Russland, sondern auch Banken in der Europäischen Union. Dabei gehe es um entgangene Geschäftsmöglichkeiten und damit Verdienstausfälle, sagte der Russland-Experte Astrov. Besonders bedroht von möglichen Geschäfts- und Verdienstausfällen seien Banken aus Frankreich, Italien und den USA, verwies Astrov auf das Ausmaß der Forderungen an Russland per Ende Juni. Bei Italien gehe es freilich - über die UniCredit und ihre für Osteuropa verantwortliche Tochter Bank Austria - in Wahrheit stark um Österreich.

Mindestens 16 Milliarden Euro Austro-Forderungen


Für Österreich schätzt der WIIW-Experte das Ausmaß der Russland-Forderungen auf Basis der Ziffern von Raiffeisen auf rund 20 Milliarden Dollar (16 Milliarden Euro) - selbst ohne Italien-Komponente mehr als es bei Deutschland oder Japan insgesamt sind. Gesamtzahlen für heimische Institute gibt es keine aktuellen, da Österreich seit 2012 keine Daten mehr dazu an die Bank für Internationalen Zahlungsausgleich geliefert habe.

Den größten Brocken haben französische Institute zu stemmen, auf sie allein entfalle mit fast 50 Milliarden Dollar ein Viertel der russischen Banken-Verschuldung.