Boston. Wäre der Ölpreis noch bei 100 Dollar pro Barrel wie im vergangenen Sommer, dann hätte Pioneer Natural Resources schon zehn weitere Bohrtürme gekauft. Die kämen dann zu den 40 Förderanlagen in Texas und dem Mittleren Westen dazu. Aber Pioneer kauft nicht, denn die auf Förderung von Schieferöl spezialisierte Firma verdient beim heutigen Fasspreis von 70 Dollar (56,28 Euro) nicht genug, um sich die Investitionen leisten zu können, sagt Firmenchef Scott Sheffield.

Firmen wie Pioneer sind die Opfer des Preiskampfes zwischen der Opec und der rasch wachsenden Ölindustrie der USA. Der Organisation Erdöl exportierender Staaten gehören die zwölf Großproduzenten von Saudi-Arabien über Iran, Irak bis Venezuela an. Unter dem Druck von Saudi-Arabien hat die Opec vergangene Woche beschlossen, die Fördermengen nicht zu senken. Eine solche Verknappung hätte das Ansteigen der Erdölpreise bewirkt. Aber umso teurer das Öl, umso mehr lohnt sich das nicht gerade billige Fracking-Verfahren zur Ausbeutung von Schieferöl in den USA.

Saudi-Arabien versucht verzweifelt, den Ölpreis noch weiter zu drücken, um die amerikanische Schieferölproduktion zu teuer werden zu lassen. Gleichzeitig steht es unter Druck, denn die Nachfrage aus China und Europa sinkt. "Das wird ein langes Geduldsspiel", sagt David Goldwyn, ehemaliger Energieberater von Präsident Barack Obama. "Die Saudis warten ab, um zu sehen, wie sehr sich die US-Produktion unter der Preisentwicklung anpassen kann. Und sie wollen sehen, wie viel die anderen Ölproduzenten ertragen können."

US-Ölindustrie ist robust

Die amerikanische Ölindustrie ist erstaunlich robust. Einige Firmen, die schon Förderflächen besitzen, könnten auch dann noch weiterwachsen, wenn der Preis auf 40 Dollar pro Barrel (159 Liter) fällt, wie eine neue Studie von Citigroup festhält. Selbst wenn kleinere Unternehmen bankrottgehen würden, dann könnten die Großen wie Exxon und BP die Kleinen aufkaufen und weiter bohren. Von einem "historischen Wendepunkt" spricht Professor Daniel Yergin, der auch eine Beraterfirma leitet. "Der entscheidende Faktor in der heutigen Welt des Öls ist das Wachstum der US-Produktion. Das Ergebnis des Opec-Treffens ist ein klarer Hinweis, dass die Ölexporteure diesen neuen Markt erkannt haben." Der neu formierte Markt und der Preiskrieg zwischen USA und Opec haben weitreichende Konsequenzen. Für die Wirtschaften in Europa, Japan, aber auch den USA selber sind die niedrigen Energiekosten ein Segen.

Die Benzinpreise liegen in den USA mit 2,77 Dollar (2,23 Euro/
2,67 Franken) pro Gallone (3,8 Liter) so tief wie zuletzt vor vier Jahren. Die US-Notenbank Federal Reserve schätzt, dass die Amerikaner dadurch 230 Milliarden Dollar einsparen (185 Milliarden Euro/222 Milliarden Franken).

Venezuela droht Chaos

William Dudley, Präsident der New Yorker Fed-Filiale, verweist aber darauf, dass die USA trotz wachsender Produktion noch immer Netto-Importeur von Energie seien. Das bedeute, dass "fallende Preise eine Wohltat für unsere Wirtschaft" sind. Und sie sollten auch den privaten Konsum ankurbeln, einen Schlüsselfaktor der US-Konjunktur.

In anderen Ländern aber wird der niedrige Ölpreis zur Belastung. Russland bezieht die Hälfte seiner Einnahmen aus dem Verkauf von Öl. Der Rubelkurs ist im freien Fall. Moskau wird ein Finanzproblem bekommen, wenn der Ölpreis weiter sinkt. In Venezuela macht das Öl 25 Prozent des Bruttoinlandsproduktes aus. "Das wird ein Jahr der Knappheit", sagte der venezolanische Wirtschaftler Angel Garcia im Interview mit CNBC. "Auf Venezuela kommen Gewalt und Plünderungen zu."