Moskau/Wien. (vee) Der russische Rubel verliert weiter drastisch an Wert. Um den Verfall aufzuhalten, greift die russische Notenbank jetzt zu ihren Dollarreserven. 700 Millionen Dollar wurden zuletzt aus Devisenbeständen verkauft, geht aus Zentralbankdaten hervor. Doch der Versuch, den Verfall des Rubel aufzuhalten, verpuffte an den Märkten - der Absturz der Währung ging am Mittwoch ungebrochen weiter. 54,87 Rubel mussten am Mittwoch für einen US-Dollar gezahlt werden, so viel wie nie zuvor.

Neben den westlichen Sanktionen, die die Kapitalflucht beschleunigt haben, hat vor allem der starke Rückgang der Ölpreise in den vergangenen Monaten dem Rubel zugesetzt. Die Regierung bestreitet einen Großteil ihrer Einnahmen mit Rohölexporten. Seit der Entscheidung der Organisation Erdöl exportierender Länder (Opec) in der vergangenen Woche, ihre Fördermenge unverändert zu lassen, hat sich der Abwärtstrend der Währung noch einmal stark beschleunigt.

Wenig Lust auf Intervention

Die russische Notenbank zählt mit Reserven von mehr als 400 Milliarden Dollar zu den reichsten Devisenbesitzern der Welt. Experten schätzen allerdings, dass die Zentralbank bei unregelmäßigen Interventionen zur Stützung des Rubel 5 bis 10 Milliarden US-Dollar aufwenden muss, um einen spürbaren Effekt zu erzielen.

Bereits im November hatte die russische Zentralbank ihre täglichen Kontrollen des Rubelkurses aufgegeben und die schwer angeschlagene Währung frei handeln lassen. Stattdessen wollte die Notenbank - wie sie angekündigt hatte - auf den Devisenmärkten intervenieren, wenn es nötig sei.

Laut dem russischen Ökonomen Wladislaw Inozemtsew hatte die russische Führung aber lange keine große Lust darauf, den Verfall des Rubels zu stoppen. Denn auch wenn der Ölpreis seit Jahresanfang um 40 Prozent sank, verlor der Rubel gegenüber dem Dollar im gleichen Zeitraum ebenso an Wert - um 55 Prozent. Öl wird weltweit in Dollar abgerechnet, der russische Staat bestreitet seine Haushaltsausgaben in Rubel. Der Rubelverfall macht so die geringeren Einnahmen aus dem Ölverkauf praktisch wett. Das staatliche Haushaltsdefizit hält sich dadurch in engen Grenzen.

Die über die vergangenen 25 Jahre zunehmende Abhängigkeit Russlands vom Ölexport (1987 etwa wurden nur 18 Prozent des geförderten Öls exportiert, heute sind es fast zwei Drittel) sieht Inozemtsew, der im Institut für die Wissenschaften vom Menschen (IWM) in Wien diese Woche einen Vortrag über die russische Wirtschaft hielt, aber gleich kritisch wie die zunehmende Verschuldung russischer Unternehmen im Ausland. Für Kredite bei russischen Instituten in Rubel über die vergangenen Jahre wurde ein Zinssatz von 13 bis 14 Prozent verlangt. Kredite bei westlichen Banken wurden in US-Dollar zu einem Zins von 3,5 Prozent angeboten.

Massive Auslandsschulden

Dadurch sei es, so Inozemtsew, zu der "ungewöhnlichen" Situation gekommen, dass Anfang des Jahres 68 Prozent der Kredite russischer Unternehmen bei ausländischen Banken in US-Dollar notierten. Insgesamt belaufen sich laut dem Ökonomen die Verbindlichkeiten russischer Firmen im Ausland heute auf 670 Milliarden US-Dollar. Das ist ein Drittel des russischen BIP.

Die Rückzahlung dieser Verbindlichkeiten, ein drastischer Investitionsrückgang, eine durch die hohe Importabhängigkeit Russlands (40 Prozent bei Lebensmitteln, 70 bei medizinischen Gütern, fast 100 Prozent bei Computertechnologie) galoppierende Inflation (geschätzte 15 Prozent), ein Rückgang des Realeinkommens zwischen sechs und neun Prozent werden die russische Wirtschaft 2015 kennzeichnen. Auf die Straße treibe das aber noch niemanden, ist Inozemtsew überzeugt.

Der Ökonom kritisierte zudem die fehlende Strategie Europas gegenüber Russland. Man denke nur in Szenarien - "tut Putin das, reagieren wir so. Tut er das, reagieren wir so." Wie hingegen mit Moskau insgesamt umgegangen werden soll und was das Gesamtziel der Einzelmaßnahmen sei, sei unklar. Das spiele dem russischen Präsidenten in die Hände.