"Wiener Zeitung": Wie sieht man in Russland die Einstellung des Gaspipeline-Projekts South Stream?

Sergej Pikin: South Stream war aus ökonomischer Sicht durchaus umstritten. Nimmt man zudem die politischen und administrativen Restriktionen hinzu, denen sich das Projekt ausgesetzt sah, erschienen eine Fortführung und jegliche weiteren Investitionen sinnlos. Die veranschlagten Kosten für South Stream haben sich von der ersten Publikmachung bis zuletzt von 10 auf 23 Milliarden Euro erhöht. Dabei hat sich die Gasmenge, die durch die Pipeline gepumpt werden sollte, nicht verändert. Gleichzeitig sanken die Gewinnaussichten, auch weil die Gaspreise ja an den nun fallenden Ölpreis gebunden sind. Der Präsident (Wladimir Putin, Anm.) und der Chef von Gazprom (Aleksej Miller, Anm.) haben vielleicht auch einen politisch passenden Moment gewählt und das bereits Offensichtliche nun ausgesprochen: Das Projekt funktioniert nicht, es ist geschlossen.

Wie wichtig ist der europäische Markt für Russland? Erwarten Sie neue Projekte anstelle von South Stream?

Es gab Äußerungen in diese Richtung, aber nichts Offizielles mit ernst zu nehmenden wirtschaftlichen Überlegungen und Perspektiven. Ich persönlich glaube bei der momentanen Wirtschaftsdynamik in der EU und den globalen Energiemarkt-Entwicklungen nicht an den europäischen Markt. Mit einer Ausnahme: Gute Erfolgschancen sehe ich in der Türkei, den bisher zweitgrößten Abnehmer in Europa von Gazprom hinter Deutschland. Bei einem Ausbau der Gaspipeline Blue Stream könnte Ankara an den ersten Platz vorrücken.

Wird eventuell die Türkei dann genutzt, um Europa zu beliefern?

Es gibt momentan dahingehende Kommentare in Russland, man solle doch über die Türkei nach Griechenland gehen und sich dann weiter nach Südeuropa vorschwindeln. Die Idee ist meiner Meinung nach unsinnig, denn links und rechts haben wir es nach wie vor mit der EU und gleichbleibenden allgemein-politischen und wirtschaftlichen Bedingungen zu tun. Ich halte es für richtig, sich auf den türkischen Markt zu konzentrieren, der anders reguliert ist, aktiv in diese Richtung zu arbeiten und sich nicht wieder an einem gigantischen Projekt mit ungewissen Zukunftsperspektiven zu versuchen.

Wird Russland mit neuen Ideen auf die bisherigen South-Stream-Länder zugehen, etwa Österreich?

Österreich hat bis zum Ende seine Absichten beibehalten und versuchte auch, eine von der EU unabhängige Position einzunehmen. Das konnte Bulgarien nicht, denn es ist von den Subventionen aus Brüssel abhängig. Aber auch aus anderen Gründen, vor allem politischen, hatte Brüssel das Projekt gebremst. Solche Projekte haben für die gesamte EU eine Bedeutung. Die Strategie, mit einzelnen Ländern zu arbeiten, war interessant, durchaus riskant, hat sich aber nicht bewährt.

Wird das ukrainische Gas-Leitungsnetz nun wieder interessant für Russland?

Gegenüber dem ukrainischen Leitungsnetz gibt es nur zwei Interessen: Einerseits ein störungsfreier Transit des russischen Gases und andererseits, dass die Ukrainer die Mengen, die sie benötigen, kaufen - und nicht stehlen. Wenn das eingehalten wird, hervorragend. Glauben Sie mir, Gazprom (russischer Gasmonopolist, Anm.) weiß, wo es sein Geld ausgeben kann. Dass Gazprom eine Beteiligung wollte, ist lange her und hat auch in der jetzigen Situation keine Bedeutung mehr. Das ist überhaupt nicht aktuell.

Zur Person

Sergej

Pikin

der 1979 geborene Ökonom ist seit 2007 Direktor des russischen Think Tanks "Fonds für Energieentwicklung" in Moskau.