Düsseldorf. Bei Europas Stahlkochern wachsen die Sorgen. Die Branche kommt einfach nicht aus der Krise. Vom heftigen Wirtschaftseinbruch infolge der Finanzkrise vor gut sechs Jahren haben sich die Stahlhersteller bis heute nicht erholt. Allen Sparbemühungen zum Trotz schreiben viele Unternehmen weiter rote Zahlen.

Die Zweifel werden größer, ob die Traditionsbetriebe auch langfristig eine Zukunft auf dem alten Kontinent haben. Dabei hadern die Unternehmen mit der Politik. Im internationalen Wettbewerb sehen sie sich angesichts hoher Energiepreise und steigender Umweltauflagen zunehmend im Nachteil.

Kapitalkosten

Auch beim deutschen Traditionskonzern ThyssenKrupp mehren sich die Befürchtungen vor einem radikalen Schnitt. Vor Stahlkochern hatte IG-Metall-Chef Detlef Wetzel erst vor wenigen Tagen von ThyssenKrupp-Chef Heinrich Hiesinger ein klares Bekenntnis zum Stahl gefordert.

Der größte deutsche Stahlhersteller ist nach dem österreichischen Konkurrenten voestalpine zwar immer noch der zweitprofitabelste Produzent Europas - mit einem operativen Gewinn von knapp 200 Millionen Euro schrieb das Unternehmen in der Sparte im zurückliegenden Geschäftsjahr auch schwarze Zahlen. Das ist aber noch nicht genug: Die Kapitalkosten konnte die ThyssenKrupp-Tochter damit nicht verdienen. Viele andere Konzerne, darunter die deutsche Nummer zwei Salzgitter, stecken wegen der niedrigen Stahlpreise dagegen seit langem sogar in den roten Zahlen.

Anonyme Anzeige

In einem Interview mit dem Westdeutschen Rundfunk (WDR) hatte der ThyssenKrupp-Chef auf die Probleme der Branche hingewiesen, "Man muss sich bewusst sein, dass eine Tradition nicht schützt im Wettbewerb der Zukunft", so Hiesinger. Vor dem Hintergrund dauerhafter Überkapazitäten gehe der deutsche Branchenprimus "irgendwann" von einer Konsolidierung der Branche aus. Keiner wisse derzeit jedoch, wann es dazu kommen werde.

Nach der Einstellung eines Ermittlungsverfahrens des Bundeskartellamts ist nun zumindest ein großes Risiko für die ThyssenKrupp-Stahlsparte vom Tisch. Die Ermittlungen gegen den Konzern und zwei weitere Hersteller wegen angeblicher illegaler Preisabsprachen bei Autoblechen waren im Frühjahr 2013 durch eine anonyme Anzeige ausgelöst worden. Noch in seinem aktuellen Geschäftsbericht hatte das Unternehmen "signifikante nachteilige Auswirkungen" durch die Ermittlungen nicht ausgeschlossen.

Überkapazitäten

Der Stahlexperte des Rheinisch-Westfälischen Instituts für Wirtschaftsforschung (RWI), Roland Döhrn, sieht zumindest aktuell keine Gefahr von Stilllegungen in Deutschland. Der Experte erwartet jedoch auch eine Neuordnung der Branche in Europa und eine Konzentration auf wenige Standorte. "Irgendetwas wird mit den Überkapazitäten in Europa passieren", so Döhrn.

Seit langem Alarm schlägt der Chef des österreichischen voestalpine-Konzerns, Wolfgang Eder: "Mir tut der Blick auf den Zustand der Stahlindustrie in Europa weh." Der neue Präsident des Weltstahlverbands warnt, dass die Branche allmählich die Kraft verlieren könnte, um im internationalen Wettbewerb mitzuhalten.

Und zunehmend droht nun auch das, was viele Beobachter seit langem fürchten: Chinas Stahlnachfrage schwächelt. Das dank immenser Investitionen in den Aufbau der Infrastruktur atemberaubende Wachstum in dem Riesenreich kühlt sich deutlich ab. Statt Kapazitäten abzubauen, schafft das Riesenreich den überschüssigen Stahl ins Ausland, was dort wiederum auf die Preise drückt. Das können die gesunkenen Rohstoffpreise kaum wettmachen.

Nachfrage

Um aus eigener Kraft aus dem Schlamassel zu kommen, laufen überall in Europas Stahlhütten Sparprogramme. Vor allem das Geschäft mit einfachen Stählen lohnt sich kaum noch. Alle versuchen sich stattdessen an möglichst innovativen Produkten, um etwa der Autoindustrie beim Gewichtsparen zu helfen. Aber das bringt bisher nicht den großen Wurf.

Immer noch liegt die Stahlnachfrage in Europa rund ein Viertel unter dem des Boomjahres 2007 - auf mindestens 40 Millionen Tonnen pro Jahr belaufen sich die Überkapazitäten. Es fehle der Mut zu harten Einschnitten, bedauert Stahl-Manager Eder. Das liegt auch daran, dass die Schließung eines Stahlwerks wegen der Vielzahl an Arbeitsplätzen immer auf massiven Widerstand auch der Politik stößt.