Managua. "Chinesen raus!", stand auf den Transparenten zu lesen, die aufgebrachte Demonstranten Ende Oktober am Rand des Großen Nicaragua-Sees hochhielten. Daneben dieselbe Aufforderung in chinesischen Schriftzeichen. Seit einem Monat häufen sich in dieser Region die Proteste der bäuerlichen Landbevölkerung, die befürchtet, durch den Kanalbau von ihrem Boden vertrieben zu werden. Mit den Chinesen sind die Betreiber des Jahrhundertprojekts gemeint, der chinesische Telekom-Milliardär Wang Jing und seine in Hongkong ansässige, auf den Kaiman-Inseln registrierte Unternehmensgruppe HKND (Hongkong Nicaragua Development). Schon im Vorfeld des Vertragsabschlusses hatte Wang Jing als "Vorschuss" von der Regierung die Telekom-Konzession für ganz Nicaragua zugesprochen bekommen.

Gemäß dem Rahmenabkommen vom Juni 2013 erhält die HKND die Konzession und die Ausbeutungsrechte an dem Kanal für 50 Jahre, verlängerbar um weitere 50 Jahre. Der Staat Nicaragua, mit einem Anteil von 51 Prozent Mehrheitseigentümer des Kanals, erwartet sich von dem Prestigeprojekt einen Goldregen.

Mehrheit der Bevölkerung
steht hinter dem Projekt

Die nicaraguanische Regierung erwartet sich vom Kanalbau ein zweistelliges Wirtschaftswachstum. Die Gebühren für die Schiffspassagen sollen jährlich viele Millionen Dollar in die Staatskassen spülen und die vielen Arbeitsplätze - so die offizielle Version - sollen der einheimischen Bevölkerung die Taschen füllen. Diese goldenen Aussichten haben es tatsächlich geschafft, einen Großteil der Bevölkerung von der Wichtigkeit des Projektes zu überzeugen. Nach einer am 8. Oktober in der Tageszeitung "Nuevo Diario" veröffentlichten Meinungsumfrage sind 61,4 Prozent mit dem Bau des Kanals einverstanden, 27,8 Prozent stimmen teilweise zu und nur 10,2 Prozent sind völlig gegen die Umsetzung des Projekts.

Doch der Segen des von der Regierung als "größtes Bauwerk der Menschheitsgeschichte" bezeichneten Projekts verliert immer mehr an Strahlkraft, je mehr Details darüber bekannt werden. Auch wenn die ökonomischen Machbarkeitsstudien, deren Veröffentlichung für Ende Oktober angekündigt war, nun erst bis April nächsten Jahres präsentiert werden müssen, so wächst die Befürchtung vor einem Umweltdesaster. Durch den Bau des Kanals, der sich vom Pazifik zum Atlantik in einer Breite von bis zu 500 Metern auf 278 Kilometer durch den Süden des Landes erstrecken wird, 105 davon durch den Großen Nicaragua-See, dürften 400.000 Hektar Regenwald und Feuchtgebiete zerstört werden.

Umweltschützer
schlagen Alarm

Nichtregierungsorganisationen und Bildungseinrichtungen wie das Humboldtzentrum und die Akademie der Wissenschaften Nicaragua oder Greenpeace und Friends of the Earth warnen seit langem, dass große Mengen von Salzwasser in den Nicaragua-See, das größte Trinkwasserreservoir von ganz Zentralamerika, einfließen werden. Indigene und bäuerliche Gruppen der betroffenen Region haben bereits dutzende Klagen gegen den Kanalbau wegen der unterbliebenen Konsultationen mit ihnen eingereicht.

Die geopolitischen Interessen Chinas, die hinter dem Kanalbau stecken, werden in der nicaraguanischen Öffentlichkeit kaum diskutiert. Obwohl sich die US-Regierung noch nicht offiziell zu dem Projekt geäußert hat, ist klar, dass China dadurch in der mittelamerikanischen Region ein enormes politisches und ökonomisches Gewicht erlangen wird. Der Kanal soll - obwohl der Panama-Kanal gerade erweitert wird - eine dreimal so große Kapazität wie dieser umfassen und somit auch weltwirtschaftlich eine bedeutende Rolle spielen.

In der letzten Zeit manifestierte auch Russland ein großes Interesse, sich an dem Großprojekt zu beteiligen - sowohl aus wirtschaftlichen als auch aus geostrategischen Gründen. Moskau hat sogar militärischen Schutz für den Kanalbau angeboten. Emil Dabagyan vom Lateinamerika-Institut der Russischen Akademie der Wissenschaften frohlockte bereits, dass die USA durch den Bau des Nicaragua-Kanals deutlich an Einfluss über die westliche Hemisphäre verlieren würden.

Weniger Arbeitsplätze als ursprünglich angekündigt

Trotz der aufkommenden Proteste in der vom Kanalbau am meisten in Mitleidenschaft gezogenen Bevölkerung rund um den Großen Nicaragua-See hat der Widerstand noch keinen Massencharakter angenommen. Aber je mehr das Versprechen des Goldregens seine Überzeugungskraft verliert, desto größer wird der Unmut. Zum internationalen Tag der Menschenrechte, am 10. Dezember, kam es zu den bisher größten Protesten gegen den Kanalbau. 4000 bis 5000 Menschen zogen durch die Hauptstadt Managua.

Im heurigen Jänner bezifferte der Präsident der Kanalbaubehörde, Manuel Coronel Kautz, die Zahl der durch das Mammutprojekt geschaffenen Arbeitsplätze noch mit einer Million. Wenige Monate später waren es nur noch 250.000. Und in der dritten Novemberwoche lag der Bedarf der Arbeitsplätze plötzlich bei nur noch 50.000 - die chinesischen Gastarbeiter darin inkludiert.

Der Befreiungstheologe und ehemalige Kulturminister, Ernesto Cardenal, beklagt die Umweltschäden durch den Kanalbau. "Wir werden keine Lebensmittel mehr pflanzen können, sondern wir werden nur mehr Schiffe vorbeiziehen sehen. Mit diesem Kanal wird der Nicaragua-See, der für uns Gott ist, zu einem Fluch."