Zürich. (wak/ag) Die Aufhebung des Mindestkurses hat in der Schweiz einen wahren Run auf den Euro ausgelöst.

Vor allem grenznahen Banken wie der Thurgauer Kantonalbank (TKB) gingen die Euro-Scheine aus. Teilweise wurden sie rationiert. "Wir spürten vor allem gestern aber auch heute eine sehr große Nachfrage nach Euro sowohl bei den Bankomaten als auch an den Bankschaltern", sagte eine Sprecherin der TKB. An grenznahen Standorten wie Kreuzlingen am Bodensee seien die Euros ausgegangen. "Wir konnten gestern Abend noch einmal bestellen, haben aber nicht so viel erhalten, wie wir gerne gehabt hätten." Schweizer Verbraucher wollen offensichtlich am Wochenende in Scharen über die Grenze pilgern, da es dort wegen des schwächeren Euro für sie nun billiger geworden ist. In Basel, im Drei-Länder-Eck Schweiz-Frankreich-Deutschland stocken die Basler Verkehrsbetriebe auf und lassen mehr Straßenbahnen nach Deutschland fahren, berichtet der Tagesanzeiger. Die Schweizer Bundesbahnen twitterten, dass sie am Samstag Züge von Zürich nach Konstanz mit zusätzlichen Wagen verstärken werden, um genügend Sitzplätze anbieten zu können.

Schweizer Wachstum von


1,8 auf 0,5 Prozent gesenkt


Die Warnung war schnell zur Stelle: Das Schweizer Konsumentenforum rechnete in einer Aussendung vor, dass pro 300.000 Franken Umsatz, die ins Ausland fließen, ein Arbeitsplatz in der Schweiz verloren ginge. Und nur weil Urlaub im Ausland nun viel günstiger sei, heiße das nicht, dass sich der Urlaub in der Heimat verteuert hätte.

Doch die Schweizer Unternehmen vertrauen nicht auf die Heimattreue der potenziellen Konsumenten: Viele Betriebe reagieren mit Sonderrabatten, um die Effekte des starken Franken abzufedern. Unter der Annahme, dass der Euro/Franken-Wechselkurs ungefähr auf einem Verhältnis von 1:1 oder 1:1,20 bleibe, schätzen Analysten den direkten, negativen Effekt auf die Schweizer Warenexporte in die Eurozone im laufenden Jahr auf knapp 5 Milliarden Franken. Die Wachstumsprognose für die Schweizer Wirtschaft wurde von mehreren Ökonomen für 2015 von 1,8 Prozent auf 0,5 Prozent gesenkt. Eine Rezession wird nicht erwartet.

Wegen der Aufhebung des Euro-Mindestkurses könnten Schweizer Firmen die Löhne senken, befürchten die Gewerkschaften im Nachbarland. Ins Visier geraten könnten insbesondere die Gehälter der rund 280.000 Grenzgänger, die in der Schweiz arbeiten, was auch die 16.000 Vorarlberger Grenzgänger (jeweils rund 8000 in der Schweiz und in Liechtenstein) treffen würde.

Die Hauptsorge gelte den Arbeitsplätzen, sagte Pierluigi Fedele, Leiter des Sektors Industrie bei der Gewerkschaft Unia. Es bestehe aber auch die Gefahr, dass die Löhne unter Druck kämen. Die Unternehmen könnten insbesondere versuchen, die Löhne von Grenzgängern zu senken. Diesen Schritt fasst beispielsweise die Industriegruppe Dixi in Le Locle ins Auge: Sie erwägt, die Löhne der Grenzgänger um 10 bis 15 Prozent zu senken, sagte Direktor Pierre Castella.

Doch nicht nur in Mitteleuropa spürt man die Auswirkungen des Erdbebens vom Donnerstag.

Eines der prominentesten ersten Opfer ist der britische Fußballklub West Ham United. Der Trikotsponsor des Traditionsvereins, der britische Währungshändler Alpari wurde nach eigenen Angaben vom Freitag zahlungsunfähig. Bei einer Mehrheit der Kunden überstiegen die Verluste ihr eingezahltes Kapital. Bei Kunden, die die Lücke nicht stopfen konnten, gingen die Verluste auf den Broker über. "Dies hat Alpari (UK) Limited gezwungen, Insolvenz anzumelden."

Auch der neuseeländische Devisenhändler Global Brokers hat Konkurs anmelden müssen.