Investitionskürzungen und zahlreiche Entlassungen stehen bei den Ölmultis an. - © reuters/Sergei Karpukhin
Investitionskürzungen und zahlreiche Entlassungen stehen bei den Ölmultis an. - © reuters/Sergei Karpukhin

London/Wien. (vee) Der britische Energiekonzern BP streicht wegen des drastischen Ölpreisverfalls seine für dieses Jahr geplanten Investitionen zusammen. Statt der anvisierten 24 bis 26 Milliarden Dollar sollten 2015 nur mehr rund 20 Milliarden Dollar investiert werden, teilte das Unternehmen am Dienstag in London mit. "Wir sind jetzt in eine neue und herausfordernde Phase niedriger Ölpreise eingetreten", erklärte Konzernchef Bob Dudley. Das Unternehmen müsse sich auf die "neue Wirklichkeit niedrigerer Preise" einstellen.

Tausende Stellen sollen wegfallen, wie bereits seit längerem bekannt ist. Zudem wurden die Gehälter erstmals in der jüngeren Konzerngeschichte eingefroren. 2014 fiel der Gewinn des Konzerns im gesamten Geschäftsjahr von 15,1 Milliarden Dollar im Jahr 2013 auf 13,7 Milliarden. Dudley will sich nun darauf konzentrieren, das Unternehmen neu aufzustellen und gleichzeitig sichere Bereiche aufrecht zu erhalten.

Massive Wertvernichtung


Der Ölmulti BP ist der letzte in einer Reihe von Energieriesen, die nun ihre geplanten Investitionen zurückschrauben, um nach dem Ölpreisverfall der vergangenen Monate den Cashflow zu bewahren und Dividendenausschüttungen zu sichern. Der US-Konzern Chevron will 13 Prozent weniger investieren, der französische Energieriese Total gar 30 Prozent, auch die heimische OMV will nicht mehr so viel ausgeben. Der Ölpreis liegt seit Jahresanfang im Schnitt bei etwa 50 Dollar pro Fass - im vergangenen Sommer hatte er einen Höchststand von 115 Dollar erreicht. Nicht wenige Konzerne konnten 2014 unterm Strich noch mit Gewinnen abschließen. Analysten erwarten, dass der Ölpreisverfall aber massiv auf die Ergebnisse des ersten Quartals 2015 durchschlagen wird.

Viel Jammer herrscht aktuell in Nordamerika. Investoren haben laut Bloomberg in den vergangenen fünf Jahren rund 1,4 Billionen Dollar in die Öl- und Gasbranche der USA gesteckt. In diesem Zeitraum lag der Ölpreis durchschnittlich bei 91 Dollar je Barrel. Der Investitionsschub, zeigen Bloomberg-Daten, trug dazu bei, dass die US-Rohölförderung den höchsten Stand in über 30 Jahren erreichte. Die von der Talfahrt des Ölpreises ausgelöste Wertvernichtung summiert sich seit Juni auf insgesamt 393 Milliarden Dollar. 353 Milliarden entfallen auf Kursverluste von 76 Unternehmen, die im Bloomberg Intelligence North America Exploration & Production Index enthalten sind. Weitere 40 Milliarden Dollar gehen auf das Konto von Kursverlusten bei Hochzinsanleihen, die von US-Schiefergasförderern emittiert wurden.

Verluste treffen auch Banken


Viele US-Bürger freuen sich über die niedrigeren Energiepreise. Noch wenige Sorgen bereiten ihnen die Verluste, die durch die Wertvernichtung in Investmentfonds, Pensionssparplänen und Bankbilanzen zu Tage treten. Die Bürger hätten noch nicht bemerkt, dass auch ihre Portfolios vom Ölpreisverfall betroffen seien, erklärte Sean Wheeler, Experte für den Ölsektor bei der US-Anwaltskanzlei Latham&Watkins LLP gegenüber Bloomberg. Analysten warnen, die massiven Kreditengagements von Banken in Ölförderregionen könnten erhebliche Probleme für die Institute nach sich ziehen.

Etappensieg für Opec


Doch nicht nur die Konzerne, auch die Opec-Staaten leiden unter dem niedrigen Ölpreis. Ungeachtet dessen hatten sich die Länder des Ölkartells im November auf keine Förderkürzung geeinigt, mit der der Ölpreis wieder in die Höhe getrieben hätte werden können. Grund ist, dass die Länder keine Marktanteile verlieren wollen. Aber auch, mutmaßen Beobachter, um die für die aktuelle Ölschwemme mitverantwortliche US-Frackingindustrie aus dem Markt zu spülen. Immerhin lohnt sich die teure Fördermethode bei einem niedrigen Ölpreis nicht mehr.

Die Strategie scheint aufzugehen. Jüngsten Zahlen des Öldienstleisters Baker Hughes zufolge ist die Zahl der aktiven Bohrlöcher in den USA in der Vorwoche abermals gesunken - auf 1543, den niedrigsten Stand seit zwei Jahren. Verglichen zu der Zahl am Höhepunkt des US-Booms im Oktober des Vorjahres sei dies ein Minus von 24 Prozent. Vor allem betroffen: Fracking-Bohrungen. Erste Frackingfirmen mussten mittlerweile Konkurs anmelden.

Die Opec will ihren Kurs für die nächsten vier bis fünf Monate beibehalten. Opec-Generalsekretär Abdullah el-Badri warnte in der Vorwoche abermals vor einer Ölförderkürzung. Durch ungenutzte Kapazitäten würden Produzenten nicht mehr investieren und so in drei bis vier Jahren Engpässe entstehen. "Dann könnte der Preis bis auf 200 Dollar steigen."