Düsseldorf/Linz. (vee) Schwächelnde Konjunktur, steter Preisdruck und Überkapazitäten - in der europäischen Stahlbranche wachsen die Existenzsorgen. So sehr, dass der Chef des österreichischen Stahlkonzerns Voestalpine und Präsident des Weltstahlverbandes Worldsteel, Wolfgang Eder, bereits Zweifel äußert, ob es in 20 Jahren noch aktive Hochöfen in Europa geben wird. Vor allem hohe Energiekosten und der geplante verschärfte Handel mit CO2-Emissionszertifikaten - dieser würde erhebliche Zusatzkosten für die Branche bedeuten - gefährde die Wettbewerbsfähigkeit Europas, sagte Eder im Interview mit dem "Handelsblatt".

In die gleiche Kerbe schlägt der oberste Stahlmanager des deutschen Branchenführers ThyssenKrupp, Andreas Goss. "Wir brauchen faire Chancen, um uns im internationalen Wettbewerb behaupten zu können", sagte Goss anlässlich der "Handelsblatt"-Jahrestagung "Stahlmarkt 2015" am Donnerstag. In der europäischen Stahlindustrie werde es künftig zu Übernahmen und Zusammenschlüssen kommen. "Über kurz oder lang wird es weitere Konsolidierungen im Markt geben müssen", so Goss. Nicht alle Anbieter könnten überleben. Offen sei allerdings, wann es dazu komme.

Die Befürchtungen sind nicht unbegründet. Analysten verweisen auf latente Überkapazitäten von bis zu 25 Prozent in Europa, auf zunehmende Billigimporte etwa aus China und Osteuropa und auf eine industriefeindliche Politik der EU. Hinzu kommen fehlende Wachstumsimpulse.

Kleine Lichtblicke


"Europa hinkt der weltweiten Entwicklung hinterher", heißt es im jüngsten Stahlmarkt-Bericht der Wirtschaftsberatungsgesellschaft PwC. Die Stahlnachfrage wachse in den 28 EU-Ländern um weniger als ein Prozent pro Jahr bis 2025 auf 162 Millionen Tonnen. Weltweit rechnet PwC mit einem Anstieg um jährlich 3,3 Prozent, wobei Asien bis 2025 zwei Drittel der gesamten Stahlnachfrage verantworten werde.

Es gibt aber nicht nur negative Nachrichten. Manche Top-Manager, die in den vergangenen Monaten hauptsächlich mit harten Sparprogrammen beschäftigt waren, sehen die Talsohle mit Preisen, "mit denen niemand mehr Geld verdient", für durchschritten an. Zudem profitiert der Zweig von gesunkenen Rohstoffpreisen: Die Kosten für Erze und Kohle sinken seit Monaten. Branchenintern geht man davon aus, dass allein deshalb die Produktionskosten pro Tonne Stahl um bis zu 50 Euro gefallen sind.

Gleichzeit gibt es auch beim leidigen Thema Überkapazitäten Zeichen vorsichtiger Entspannung. 2014 seien am europäischen Stahlmarkt 29 Prozent der Überkapazitäten aus dem Markt genommen worden, erklären Analysten der UBS-Bank. Sie sehen gar ein Aufwärtspotenzial für europäische Stahl-Aktien. Die UBS begründet dies mit steigenden Netto-Stahlausfuhren der EU-Produzenten, die auf den Preisverfall des Euro zum Dollar zurückzuführen sind. Dadurch verbessere sich auch die Auslastung der Werke um 3 bis 4 Prozentpunkte. Zudem dürften die Stahlimporte in die EU wegen der Euro-Schwäche abnehmen. Der deutschen Stahlindustrie wiederum kommt vor allem die positive Entwicklung der wichtigen Branchen Autoindustrie und Maschinenbau zugute, die rund die Hälfte der Stahlproduktion abnehmen und verarbeiten.

Von einer Trendwende will dennoch niemand sprechen. Die Preise werden weiterhin unter Druck stehen, auch wenn sie aktuell nicht mehr fallen. Dies gilt vor allem für Massenstähle. Von Letzteren, sagt Eder, solle sich Europa aber ohnehin verabschieden, weil deren Erzeugung in anderen Regionen deutlich kostengünstiger sei. Europa könne nur erfolgreich sein, wenn man sich auf anspruchsvolle Spezialprodukte konzentriere und auf die Profitabilität achte.