Berlin. Es ist eine alte Debatte: Schafft der technische Fortschritt mehr Jobs, als er vernichtet? Bisher wurden Arbeitsplätze, die der technischen Innovation zum Opfer fielen, stets durch Jobs in neuen Tätigkeitsfeldern kompensiert. Bei der gerade anlaufenden industriellen Revolution, die sich auf Roboter stützt, könnte es anders laufen. Anerkannte Wirtschaftsforscher warnten wiederholt, dass der Mensch als Arbeitskraft überflüssig werden könnte.

Je moderner die Produktionsstätte, umso weniger Menschen trifft man dort an. Dafür aber Hard- und Softwaresysteme, die automatisch miteinander interagieren. Im Straßenverkehr haben sich autonome Roboterautos bereits testweise im Stoßverkehr von Großstädten behauptet. Und auch geistige Arbeit wird immer öfter von Schaltkreisen und Algorithmen verrichtet.

59 Prozent der Arbeitsplätze gefährdet

Die jüngste Studie auf diesem Gebiet bezieht sich auf Deutschland. Die Resultate scheinen aber auch für andere Länder plausibel. Der zunehmende Einsatz von Robotern und anderen Technologien gefährdet, so eine Untersuchung der Bank ING-Diba, 59 Prozent der Arbeitsplätze.

Von den 30,9 Millionen Beschäftigten, die in der Untersuchung berücksichtigt werden, könnten mittel- und langfristig 18 Millionen durch Maschinen und Software ersetzt werden, berichtete die Zeitung "Die Welt" am Samstag.

Das Risiko variiert je nach Spezialisierung, Karrierestufe und Beruf erheblich: Unter Sachbearbeitern und anderen Berufsgruppen, die hauptsächlich typische Verwaltungstätigkeiten erledigen, könnten sogar 86 Prozent der Arbeitsplätze wegfallen. Beinahe genauso hoch ist der Anteil unter Hilfsarbeitskräften, der Berufsgruppe, die am zweitstärksten von der Automatisierung betroffen wäre.

Büro- und Sekretariatsarbeit am stärksten betroffen

Unter den Büro- und Sekretariatskräften drohen die größten Stellenverluste, gefolgt von Hilfskräften in Lagern und bei Post- und Zustelldiensten sowie Verkäufern und Hilfskräften in der Reinigung. Auf einen Zeitraum für den skizzierten Wandel legt sich die Untersuchung allerdings nicht fest.

In Berufen, die eine Spezialisierung oder Expertenwissen erfordern, liegt die Wahrscheinlichkeit, den eigenen Job an eine Maschine zu verlieren, nur bei elf beziehungsweise zwölf Prozent.

Besonders unersetzlich scheinen Mediziner zu sein: Von 241.500 Ärzten sind lediglich 3.100 betroffen oder gerade einmal ein Prozent. Ähnlich ist die Lage bei Chemikern oder Physikern: Von den insgesamt 46.100 Arbeitskräften mit diesem Fachhintergrund, die häufig in forschender Tätigkeit arbeiten, können der Studie zufolge nur 2.800 durch Technologie ersetzt werden.

Einfache Jobs könnten verschwinden

Es gibt allerdings auch gegenteilige Positionen: So schätzt die Boston Consulting Group (BCG), dass in den kommenden zehn Jahren auf Basis der Industrie 4.0 - der intelligenten, vernetzten und hochgradig automatisierten Produktion - 390.000 neue Jobs in Deutschland entstehen werden.

"Die menschenleere Fabrik wird es nicht geben", sagte Studienautor Michael Rüßmann der Deutschen Presse-Agentur. Einfache manuelle Jobs in der Fertigung und Fabriklogistik - etwa Gabelstaplerfahrer - könnten aber wegfallen, räumt auch Rüßmann ein.