Jordan, Trinks und Cranshaw (v.l.) bei ihrem Besuch in Wien. Luiza Puiu
Jordan, Trinks und Cranshaw (v.l.) bei ihrem Besuch in Wien. Luiza Puiu

"Wiener Zeitung":Was sind die Hauptprobleme bei der konventionellen IT-Produktion?

Jim Cranshaw: Wir machen uns große Sorgen um die Arbeiter in der IT-Industrie. Es gibt bei den Produzenten nicht nur "ein paar schwarze Schafe" und es geht nicht um einzelne Fälle. Das ist systematisch. Die Arbeitsbedingungen sind schrecklich. Vor allem der Einsatz von giftigen Chemikalien, der zu schweren Krankheiten wie Krebs führt. Erst kürzlich ging ein Fall von an Krebs gestorbenen Mitarbeitern von Samsung durch die Presse. Achtzehn Arbeiter des chinesischen Apple-Zulieferers Foxconn haben sich umgebracht, indem sie vom Dach der Fabrik stürzten. Wenn die Arbeiter versuchen, sich in Gewerkschaften zu organisieren, werden sie gewaltsam unterdrückt, entweder von den Arbeitgebern selbst oder vom Staat.

Es gibt bereits seit längerem faire Kleidung, Lebensmittel und sogar faire Pflastersteine. Warum hat es bei der IT so lange gedauert?

Susanne Jordan: Dafür gibt es zwei Gründe. Erstens ist die technische Industrie viel später nach Asien ausgewandert. Das Problem existiert also erst seit den 1980ern. Vorher wurde im Westen produziert, die Bedingungen waren also bei weitem nicht so schlecht wie heute. Es dauerte dann, bis das Problem im Bewusstsein der Menschen angekommen ist. Der zweite Grund ist, dass es um kompliziertere Produkte geht. Kaffee ist recht einfach, da kann man mit einem einzigen Händler eine Alternative anbieten. Auch bei Kleidung geht es mit kleinen Projekten und im kleinen Maßstab. Bei IT-Produkten braucht man viel Know-how. Leider muss man erst einmal mit Firmen kooperieren, die unter schlechten Bedingungen herstellen lassen.

Wie wurden Sie zur Pionierin der fairen IT?

Susanne Jordan: IT ist unglaublich kleinteilig. Ich habe mich daher entschieden, mit der "Maus" anzufangen, die wenigstens "nur" aus etwa zwanzig Teilkomponenten besteht. Ich komme nicht aus der Branche und habe das Projekt nur gestartet, weil ich selbst auf der Suche nach fairer IT war. Ich begann zu recherchieren und stellte fest, dass es in der Richtung wirklich nichts gibt. Daran hat sich - mit Ausnahme des Fairphones - nichts geändert.

Wurde Ihre fast-faire Maus schon kopiert?

Susanne Jordan: Bis jetzt leider nicht. Das war eigentlich mein Plan. Ich will NagerIT zwar etablieren und wirtschaftlich rentabel machen. Aber ich würde mich eigentlich gern wieder zurückziehen. Ich bin eigentlich Geographin und würde lieber Bodenproben nehmen, als im Büro zu sitzen (lacht).

Fair produzierte Technik ist noch eine Nische. Wie groß ist das Potenzial? Sind Kunden bereit, für faire Produkte mehr Geld auszugeben?

Susanne Jordan: Für die Maus schon, aber das ist auch kein Lifestyle-Produkt wie das Handy, das man ständig ersetzt. Ich denke aber schon das Potenzial da ist. Der Fairtrade-Markt wächst und die Leute sind bereit, mehr zu zahlen, wenn das Produkt länger hält. Eine Möglichkeit ist auch, die öffentliche Hand als Großabnehmer zu gewinnen. Vorarlberg gehört zu unseren ersten Kunden.

Tina Trinks: Wir haben mit einer Crowdfunding-Kampagne gestartet und hatten uns zum Ziel gesetzt, 10.000 Fairphones zu verkaufen, am Ende der vier Monate waren es 25.000 Kunden, die das Fairphone noch nicht einmal vorher gesehen hatten. Damals existierten wir formell noch gar nicht als Firma.

Der Fairphone-Gründer Bas van Abel meinte damals, er wolle die Kontrolle nicht aus der Hand geben und auf Risikokapital verzichten. Hat das funktioniert?

Tina Trinks: Ja. Die erste Generation des Fairphones ist komplett ausverkauft, es gibt mittlerweile 60.000 Fairphone-Besitzer. Das war ein Mandat für uns, weiterzumachen. Jetzt investieren wir und entwickeln ein neues Handy mit eigenem Design und eigener Entwicklung. Dazu brauchen wir Kapital, die Einnahmen aus dem Verkauf des ersten Fairphones reichen aber nicht. Wir haben uns entschieden, auf Investoren zu verzichten und machen das mit einem Kredit von der Bank.

Wie haben andere Smartphone-Anbieter auf das Fairphone reagiert?

Tina Trinks: Es gab Austausch, aber keine formelle Zusammenarbeit. In der Demokratischen Republik Kongo haben wir eine Initiative zu fairer Produktion gestartet, an der auch andere Firmen teilnehmen. Aber es hat niemand versucht, uns aufzukaufen (lacht).

Das Fairphone wurde kritisiert, weil es nicht wirklich fair ist - viele Komponenten werden unfair produziert. Ist das nicht Etikettenschwindel?

Tina Trinks: Smartphones haben sehr komplexe Lieferketten und bestehen aus einigen hundert Einzelteilen. Unser erstes Ziel war, die Lieferketten zu öffnen, um zu sehen, wie viel Einfluss wir nehmen können. Uns geht es um Transparenz, von der Rohstoffgewinnung über die Herstellung bis zum Design. Es ist uns zum Beispiel sehr wichtig, das Fairphone so zu konzipieren, dass es leicht zu öffnen und zu reparieren ist.

Das heißt, es geht auch um ökologische Nachhaltigkeit?

Susanne Jordan: Ja, aber wir stellen das bewusst nicht in den Fokus, weil es ablenkt von der Situation der Arbeiter.

Tina Trinks: Dagegen steht das bei uns schon im Vordergrund. In Deutschland tauschen Nutzer ihr Smartphone nach durchschnittlich 18 Monaten aus. Das ist gewaltig. Wir wollen, dass die Leute wieder eine andere Bindung an das Produkt haben und es warten, zum Beispiel Batterien und Bildschirme zu ersetzen. Auf unserer Website gibt es Ersatzteile zu bestellen. Das funktioniert sehr gut. Das Telefon, das nicht hergestellt werden muss, ist eigentlich das allerbeste. Das heißt reparieren oder gebraucht kaufen.