Washington. (rs) So mancher Anleger mag Mitte März geglaubt haben, den kryptischen Andeutungs-Code der US-Notenbanker geknackt zu haben. Damals hat die Federal Reserve (Fed) in ihrer geldpolitischen Mitteilung zwar erklärt, vorerst nicht am faktischen Nullzins rütteln zu wollen, gleichzeitig wurde der bisher genutzte Passus, bei der Normalisierung der Geldpolitik "geduldig" zu sein, gestrichen. Plötzlich stand der Juni als Zeitpunkt für die schon lange erwartete Anhebung des Leitzinses im Raum - oder zumindest die zweite Sommerhälfte.

Doch Spekulationen sind das eine, die nun veröffentlichten Protokolle des jüngsten geldpolitischen Ausschusses das andere. Und diesen zufolge glauben nur wenige Fed-Mitglieder, dass die US-Wirtschaft schon stark genug für eine Anhebung des Zinsniveaus ist, das bereits seit Ende 2008 zwischen 0 und 0,25 Prozent liegt.

Der Juni scheint damit als Termin vom Tisch, denn von einer baldigen und robusten Erholung ist die weltgrößte Volkswirtschaft noch ein gutes Stück entfernt. Im Herbst hatte das Bruttoinlandsprodukt (BIP) zwar noch um 5 Prozent zugelegt, doch im vierten Quartal sackte das Wachstum auf 2,2 Prozent ab. Der strenge Winter und der starke Dollar, der US-Exporte deutlich verteuert hat, sorgten für weitere Bremsspuren: Das Wachstum von 0,2 Prozent im ersten Quartal 2015 kommt praktisch einem Stillstand gleich.

Bedenklich ist aus Konjunktursicht vor allem, dass die schlechten Nachrichten nicht und nicht abreißen. Die Einzelhändler, deren Sektor etwa 30 Prozent zum gesamten US-Konsum beiträgt, waren mit schwächelnden Geschäften ins zweite Quartal gestartet. Die US-Industrieproduktion schrumpfte im April nun schon den fünften Monat in Folge, und auch die am Donnerstag veröffentlichen Zahlen für die ersten drei Mai-Monate versprechen keine Besserung. Überschattet wird all dies aber durch den Einbruch beim Konsum, der mit Abstand wichtigsten Stütze der US-Wirtschaft. Das die Verbraucherlaune aufzeichnende Barometer der Universität von Michigan fiel im Mai überraschend von 95,9 auf 88,6 Zähler. Damit wurde der niedrigste Wert seit Oktober erreicht.

In den vergangenen Monaten hatte die Fed die Schwäche der US-Wirtschaft vor allem mit vorübergehenden Faktoren erklärt, doch die Fülle der Negativdaten macht das nun zunehmend schwieriger. Aber nicht nur die dahinstolpernde Konjunktur sorgt dafür, dass nun schon alle Augen auf die Notenbank-Sitzung am 17. September gerichtet sind. Denn im August findet keine Sitzung statt und beim Treffen im Juli ist keine anschließende Pressekonferenz geplant. Dass der Leitzins nach inzwischen 77-monatigem Tiefstand angehoben wird, ohne dass Fed-Chefin Janet Yellen sich den Fragen von Journalisten stellt, scheint zweifelhaft. An den Märkten wird die Zinswende in den USA ohnehin erst für Ende 2015 erwartet.