Peking. (is) Mit mürrischen Blicken verfolgten am Montag Millionen chinesischer Kleinanleger in den Metropolen die riesigen Tafeln, auf denen die aktuellen Börsekurse angezeigt werden. Die meisten Zahlen leuchteten in bedrohlichem Rot. Auf 90 Millionen wird im Reich der Mitte die Zahl der privaten Anlegergeschätzt, die mit Wertpapieren ihr Glück versuchen. Bis vor kurzem hat sich ihre Risikofreude gelohnt. Deslab hatten sie in den vergangenen Monaten weiter stark in Aktien investiert, um so die Altersvorsorge zu sichern oder den dürftigen Lohn auszuputzen - bis der Markt in den Sinkflug überging. Mit dem Absturz der Aktienkurse folgte der Katzenjammer. Eine resolute Intervention der Regierung konnte zwar am Montag zunächst einen weiteren Abwärtstrend verhindern. Experten sprachen allerdings von einem kurzen Strohfeuer.

Seit Mitte Juni befinden sich die beiden Festland-Börsen im freien Fall. Der wichtigste Börsenindex Shanghai Composite rutschte in den vergangenen drei Wochen um 29 Prozent ab. Allein am vergangenen Freitag hatte er um 5,77 Prozent verloren. Aus Sorge, dass die Börsen nach einer monatelangen Rally überhitzt sind, trennten sich Kleinanleger und Großinvestoren rasch von Aktienpaketen. Dadurch landeten notgedrungen noch mehr Aktien auf dem Markt.In einer Spiralenbewegung zog das wiederum die Kurse weiter nach unten. Experten warnen bereits vor einem Börsencrash.

Mit einem Bündel von Maßnahmen versuchte die chinesische Führung am Wochenende entgegenzusteuern und einen befürchteten weiteren Kurssturz zu verhindern. Der Shanghai Index schloss am Montag mit einem Plus von 2,4 Prozent. Zuvor hatten die chinesischen Aktienmärkteim Verlauf des Tages eine Achterbahnfahrt hingelegt. Zum Handelsauftakt schoss der Index zunächst um mehr als 7 Prozent auf 3943 Punkte nach oben, verlor aber innerhalb von nur einer Stunde wieder mehr als die Hälfte seiner Gewinne. Zu Mittag waren die Gewinne wieder aufgezehrt - zwischenzeitlich kippte der Index sogar wieder deutlich ins Minus, um dann knapp über dem Freitagsniveau zu schließen. Auch der Shenzhen-Composite-Index, an dem viele Technologiefirmen gehandelt werden, konnte sich nicht lange auf dem 7-Prozent-Niveau halten. Der Shenzhen-Component-Index rutschte zu Handelsschluss sogar deutlich in die Verlustzone.

Um den Aktienmarkt zu stabilisieren, hatten Chinas Führung und die Notenbank am Wochenende mehrere Maßnahmen beschlossen. Börsengänge werden bis auf Weiteres gestoppt, Wertpapierhändler und Investmentfonds haben sich zu längerfristigen Aktienkäufen verpflichtet und der Staat wird den Aktienkauf auf Pump - das sogenannte Margin Trading- fördern, indem die Notenbank den Wertpapierhändlern nun bei der Finanzierung des Margin Trading mit einer Geldspritze unter die Arme greifen wird. Gleichzeitig erklärte ein mächtiger Staatsfonds, jüngst in den Aktienmarkt investiert zu haben. Zuvor waren 28 laufende Börsengänge bis auf Weiteres gestoppt worden, um das Geld der Anleger in den etablierten Werten zu halten. 21 Broker - große Wertpapierhändler - verpflichteten sich zudem, keine Aktien aus ihrem eigenen Bestand zu verkaufen, solange der Shanghai Composite unter der Marke von 4500 Punkten stehe - am Montag stand er bei 3775.91 Punkten.Die Broker investieren zudem umgerechnet gut 17 Milliarden Euro eigenes Geld in Aktien.

"Die Regierung muss den Markt retten", meinte der Stratege Fu Xuejun vom Brokerhaus Huarong Securities. Ein Börsencrash würde sonst Banken, Konsum und Unternehmen mit nach unten reißen und für soziale Instabilität sorgen. Chinas Wirtschaft kämpft zurzeit ohnehin mit Widrigkeiten. Die Konjunktur der zweitgrößten Volkswirtschaft der Weltkühlte sich heuer im ersten Quartal mit 7 Prozent auf den niedrigsten Stand seit den Ausläufern der Finanzkrise 2009 ab. Auch für den Rest des Jahres sagen die Prognosen nicht mehr Wachstum voraus. 2014 verzeichnete das Bruttoinlandsprodukt immerhin noch ein Plus von 7,4 Prozent - und erreichte schon damals das niedrigste Wachstum seit 24 Jahren. Neben einer drohenden Immobilienblase kämpft China mit Überkapazitäten seiner Industrie und sinkenden Exporten. Vor allem aber die Importe brachen zuletzt drastisch ein. Auch die Inflation sinkt. Um die Konjunktur anzuschieben, senkte die Zentralbank Ende Juni zum vierten Mal seit November den Leitzins; er liegt nun bei 4,85 Prozent. Über ein Anleihekaufprogramm nach Vorbild der EZB wird bereits nachgedacht.