Istanbul. (apa) Mit der Aufkündigung des Friedensprozesses mit den Kurden ist die Türkei in die Fallstricke der Vergangenheit geraten. Die Folgen für den ohnehin stotternden türkischen Wirtschaftsmotor sind fatal. Die ökonomischen Warnsignale sind unüberhörbar. Die Türkei hat weiterhin keine Regierung gebildet. Laut Medien soll ein massives Störfeuer zwischen Regierungschef Ahmet Davutoglu und Staatspräsident Recep Tayyip Erdogan eine Einigung zur Bildung einer Regierungskoalition verhindern. Neuwahlen im kommenden November werden immer wahrscheinlicher.

Die Märkte reagieren mit Verunsicherung. Wie die türkische Zentralbank jüngst bekanntgab, haben ausländische Anleger seit Beginn des Jahres Anleihenverkäufe in Höhe von vier Milliarden Dollar vorgenommen. Das sei der größte Nettoabfluss seit 2013.

Zu den Hiobsbotschaften für die türkische Wirtschaft gehört zudem ein Exportrückgang im Juli um 13 Prozent auf 10,8 Milliarden Dollar, wie die Exportvereinigung TIM erklärte. Auch der Tourismussektor wurde durch die steigende Terrorgefahr in Mitleidenschaft gezogen. Im zweiten Quartal meldete die türkische Statistikbehörde Tuik Tourismuseinnahmen in Höhe von 7,73 Milliarden Dollar - ein Minus zum Vorjahreszeitraum von 13,8 Prozentpunkten.

Aufgrund der wachsenden politischen- wie Sicherheitsrisiken im Land haben die Türken begonnen, Dollar zu horten. Nach Angaben der Bankenaufsichtsbehörde (BDDK) stiegen Spareinlagen in Fremdwährungen von privaten Haushalten und Unternehmen aktuell um 43 Prozent. Das sei das höchste Niveau seit zehn Jahren. Die türkische Lira habe gegenüber dem Dollar im laufenden Jahr 16 Prozent an Wert eingebüßt, was den bisher größten Rückgang seit 2001 markiere.

Dieser "Dollarisierung" sei schwer Einhalt zu gebieten, zitiert die türkische "The Lira" einen Experten der Londoner UBS Bank. Die türkische Notenbank müsste dieser Entwicklung mit einer straffen Geldpolitik Einhalt gebieten. Sie setze diese aber nicht in die Tat um, kritisiert dieser.

Die Notenbank steht seit Jahren unter Beschuss durch Erdogan, der immer wieder unverhältnismäßig scharf die Zins- und Währungspolitik der Bank und seine Führungsspitze angriff und unabhängig von den Inflationsrisiken auf drastische Zinssenkungen drängte.

Für einen der weltweit führenden Wirtschaftswissenschafter, Daron Acemoglu, ist die Unabhängigkeit der türkischen Notenbank in der derzeitigen Situation "von äußerster Wichtigkeit". Acemoglu, Professor am Technischen Institut von Massachusetts (MIT), warnte in einem Interview mit der staatlichen Nachrichtenagentur Anadolu eindringlich davor, dass die Türkei auf ein "politisches und wirtschaftliches Disaster" zusteuere, sollte der Friedensprozess mit den Kurden nicht fortgesetzt werden.

Schätzungen zufolge haben die jahrzehntelangen Auseinandersetzungen der Türkei mit der verbotenen kurdischen Arbeiterpartei PKK das Land 300 Milliarden Lira gekostet. Das errechnete der "Hürriyet"-Wirtschaftsexperte Sadi Özdemir unter Berufung auf Analysten. Insgesamt soll die türkische Wirtschaft in den dreißig Jahren Wachstumsverluste in Höhe von unglaublichen 2,3 Billionen Lira erlitten haben. Ohne die ständige Bedrohungslage im Inneren hätten die Militärausgaben auf die Hälfte reduziert werden können, schreibt Özdemir. Das Wachstum des Landes wäre in dieser Periode jährlich um 0,5 Prozent höher gelegen.