Entsetzen an der Wall Street. - © APA - Richard Drew
Entsetzen an der Wall Street. - © APA - Richard Drew

Aktionäre schlafen derzeit schlecht, denn es ist eine gigantische Geldvernichtung an den internationalen Börsen im Gange. Um sagenhafte 6 Billionen Dollar ist der Markt seit der Abwertung des Yuan am 11. August geschrumpft. Alle Gewinne, die dieses Jahr erzielt wurden, sind zumindest vorläufig weg.

Epizentrum der Erschütterungen ist China, die zweitgrößte Volkswirtschaft der Welt, wo der Wirtschaftsmotor schon seit einiger Zeit spürbar stottert. Börsianer weltweit versetzt das in Panik, man rechnet mit einem langen Sinkflug ins Bodenlose und einer harten Landung. Die chinesische Regierung erweist sich als machtlos – oder nicht gewillt, den Einbruch an der Börse zu stoppen. Die Abwertung des Yuan in drei Schritten hat vorläufig nichts gebracht. Alle Milliarden, die eingesetzt wurden, hatten keinen Effekt.

Die Krise greift wellenartig um sich, die Börsen in Europa und den USA werden erfasst. Der deutsche Leitindex DAX ist aus Angst vor einem chinesischen Schwächeanfall kollabiert und klar unter die Marke von 10.000 Punkten gerutscht. Der EuroStoxx-50 verlor, der FTSE-100 in London ebenfalls. In New York büßten Dow Jones und S&P500 in den ersten Handelsminuten rund 6 Prozent ein. An der Computerbörse Nasdaq ging es mehr als 8 Prozent abwärts. Im Tagesverlauf konnten die Verluste dann eingegrenzt werden.

Asiatisches Kurs-Gemetzel

Schlimm wurden die Leitbörsen in Ostasien gebeutelt. Der Shanghai Composite fiel um beachtliche 8,49 Prozent, damit erlebte die chinesische Börse den schlimmsten Kurssturz seit acht Jahren. Der Hang Seng in Hongkong verlor immerhin 5,17 Prozent, der Nikkei-225 Index in Tokio setzte seine Talfahrt fort und fiel deutlich unter die Marke von 19.000 Punkten.

Angeführt wurden die Verlierer in Japan von Aktien des Banken-, Immobilien- und Stahlsektors. Auch Japans Autobauer erlitten schwere Einbußen: Fuji Heavy Industries mit der Marke Subaru stürzten um 8,4 Prozent ab, Mazda verlor 7,2 Prozent. In Indien schloss der Sensex 30 mit knapp 6 Prozent, auch in Australien ging es steil nach unten. Die Kursverluste in China wären noch höher gewesen, wenn sie nicht durch staatliche Deckelung limitiert würden. Die Börsianer sprachen weltweit von einem "Schwarzen Montag". "Wir sind mitten in einer Panikattacke und China ist das Epizentrum", schrieben die Analysten von JP Morgan Cazenove.

Es handelt sich um einen Abwärtstrend, der nicht so leicht abzuschütteln sein wird. Es stottert der Wirtschaftsmotor in China, dazu kommt der Verfall des Ölpreises, der Ländern wie Venezuela oder Russland schwer zu schaffen macht. Der Index RTS an der Moskauer Börse verlor 4,96 Prozent, zugleich ist der Rubel auf seinen niedrigsten Stand seit Dezember gefallen. Der Euro überschritt erstmals seit vergangenem Dezember die 80-Rubel-Marke und lag bei 81,32. Wobei der Ölpreis am Montag seine Talfahrt auf 42,69 Dollar pro Barrel (159 Liter) fortgesetzt hat. Der steigende Euro-Kurs führt dazu, dass europäische Waren im Ausland teurer werden.

Das kommunistische Regime in Peking steuert dem Verfall nur zaghaft entgegen. Die Entscheidung Pekings, Pensionsfonds erstmals Investitionen am Aktienmarkt zu gestatten, blieb am Montag wie viele andere Maßnahmen ohne spürbare Auswirkungen.

Grassierende Korruption

Es gebe immer noch viele wirtschaftliche Probleme und Herausforderungen, räumt das Planungsbüro der Kommunistischen Partei in Peking ein. In der Tat ist das einst boomende "Reich der Mitte" am Ende des rasanten Wachstumspfades angelangt, unter anderem deshalb, weil das politische System an seinen Widersprüchen scheitert. Die Korruption grassiert, die Katastrophe von Tianjin, wo nach der Explosion eines Gefahrungutlagers mindestens 129 Menschen gestorben sind, ist nur ein Symptom für den Schaden, der durch bestochene Eliten angerichtet wird. Die Kommandostrukturen in Politik und Wirtschaft sind innovationsfeindlich, die freie Meinungsäußerung wird unterdrückt wie eh und je.

Jetzt, sagen Pessimisten, gelangt China an seine Grenzen. Wirtschaftsforscher stellen fest, dass das alte expansive Wachstumsmodell, das von Anlage-Investitionen und Export getrieben war, nicht mehr funktioniert. Die langsamere Entwicklung wird in Peking umdefiniert und als "neue Normalität" beschrieben. Jetzt gehe es nicht mehr um "blindes" sondern um "qualitatives" Wachstum, heißt es.

Anpassungsprozess in China

Auch für Stefan Bruckbauer, Chefökonom der Bank Austria, gibt es klare Anzeichen, dass der Boom der chinesischen Wirtschaft vorbei ist. Der derzeitige Kursverfall werde aber grundsätzlich verursacht durch ein Bündel "negativer Ereignisse" und einer dazugehörigen Panikreaktion. Wann die Talsohle erreicht sei, könne man klarerweise nicht sagen, so Bruckbauer im Gespräch mit der "Wiener Zeitung". Was den Absturz in China betrifft, ortet Bruckbauer durchaus realwirtschaftliche Ursachen. Chinas Wachstumsmodell sei bis dato sehr stark von staatlicher Invention getrieben, erklärt der Chefökonom. Investitionen würden über Interventionen in das Finanzsystem angeregt - "vor allem im Immobilienbereich". Aber: "Die Produktivität dieser Investitionen kommt immer stärker unter Druck oder fällt ganz weg - das ist eines der ganz großen Probleme. Man kann eine Wirtschaft immer ankurbeln, indem man unendlich viele Straßen oder Hochhäuser baut", erklärt Bruckbauer. "Wenn dann aber die Nachfrage nicht da ist, geht eine Firma pleite."