Washington. (rs) Dass das Thema derzeit alles überlagert, ließ sich vor knapp zwei Wochen eindrucksvoll beobachten. Damals wurde in Washington bekanntgegeben, dass die US-Arbeitslosenquote auf 5,1 Prozent gesunken ist, dem niedrigsten Stand seit dem Ausbruch der globalen Finanzkrise im Jahr 2008. Doch an den Märkten wollte sich kein Kursfeuerwerk einstellen, vielmehr gab der Dow Jones um 1,6 Prozent nach. Unter den Börsianer war offenbar die Sorge, dass die guten Arbeitsmarktdaten zu einer Leitzinsanhebung führen viel größer gewesen, als die Hoffnung auf steigende Konsumausgaben durch mehr Beschäftigte in den USA.

Behutsam hat Fed-Chefin Janet Yellen die Märkte in den vergangenen Monaten auf eine Zinswende noch in diesem Jahr vorbereitet, mit der die US-Notenbank das Ende des billigen Geldes einläuten würde. Doch ob Yellen am Donnerstag tatsächlich den 2008 begonnenen Krisenmodus auslaufen lässt und erstmals seit neun Jahren wieder die Zinsen anhebt, ist den vergangenen Wochen wieder deutlich unsicherer geworden. Denn die US-Wirtschaft mag zwar brummen, doch das jüngste Börsenbeben in China und die Furcht vor einer harten Landung der dortigen Konjunktur schweben wie ein Damoklesschwert über der Weltwirtschaft. Ein Zinsschritt jetzt dürfte sich als Bumerang erweisen, wenn dadurch neue Turbulenzen an den Märkten entstehen sollten. Genau diese Sorge treibt auch die Weltbank um: Ihr Chefökonom appellierte jüngst an die US-Währungshüter, die Leitzinserhöhung zu verschieben, bis die Weltwirtschaft stabiler geworden ist.

Aus den Reihen der Fed kamen bis zuletzt keine klaren Signale. Nach wie vor gilt die Ansage der Notenbank, dass die Zinswende komme, soweit sich die Lage am Arbeitsmarkt weiter bessere und man zuversichtlich sein könne, dass die Inflation wieder auf den angestrebten Wert ansteige. Der einflussreiche Chef der regionalen Notenbank von New York, William Dudley, hat die Zinserwartungen eher gedämpft. Fed-Vize Stanley Fischer ließ hingegen beim Notenbanker-Treffen in Jackson Hole die Tür für eine geldpolitische Straffung im September offen. In zwei annähernd gleich große Lager gespalten sind auch jene 96 Fed-Fachleute, die die Nachrichtenagentur Bloomberg befragt hat. Eine knappe Mehrheit von 51 Experten rechnet damit, dass die Fed am Donnerstag den Leitzins um 0,25 Punkte anheben wird. 45 der befragten Analysten erwarten hingegen, dass das derzeitige Zinsniveau von 0 bis 0,25 Prozent beibehalten wird.

Schwellenländer unter Druck

Für eine Zinserhöhung spricht vor allem die rund laufende US-Wirtschaft, die für sinkende Arbeitslosenzahlen sorgt. Im Frühjahr ist das Bruttoinlandsprodukt (BIP) mit aufs Jahr hochgerechnet 3,7 Prozent kräftig gewachsen. Für 2015 sagt der Internationale Währungsfonds (IWF) einen Zuwachs von 2,5 Prozent und für 2016 von 3,0 Prozent voraus. Damit dürften die USA schon bald Vollbeschäftigung erreichen - das erklärte Ziel der Fed.

Für eine Verschiebung der Zinswende sprechen dagegen die Schwäche der weltweiten Börsen, der viele US-Unternehmen belastende starke Dollar und die immer noch schwache Inflation in den USA. Gerade die geringe Teuerung, die wegen des Ölpreisverfalls nur knapp über der Nulllinie liegt, erschwert es der Fed, ihr Doppelmandat zu erfüllen. Neben einer hohen Beschäftigung strebt die Notenbank nämlich längerfristig eine Inflationsrate von zwei Prozent an. Von diesem Ziel liegt selbst die von der Fed stark beachtete Kerninflation (PCE, ohne Energie und Nahrung) weit entfernt.

Das stärkste Argument gegen eine Anhebung dürfte jedoch die konjunkturelle Schwäche der Schwellenländer sein. China, Brasilien und der Türkei drohen bei höheren US-Zinsen Kapitalabflüsse, da Investoren ihr Geld dann verstärkt in den Vereinigten Staaten anlegen dürften. Beim jüngsten G20-Treffen der Finanzminister und Notenbankchefs in Ankara war die Zinswende daher eines der bestimmenden Themen. In den Beratungen über das Abschlusskommuniqué hatten einige Schwellenländer versucht, die Zinswende als eine der größten Risiken für die Weltwirtschaft darzustellen, konnten sich mit dieser Forderung aber nicht durchsetzen.